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Volksabstimmung und Fiskalpakt

Artikel 20 Abs. 2 S. 2 Grundgesetz geht davon aus, dass die Staatsgewalt vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt wird. Ich persönlich hätte es ja lieber, wenn die Staatsgewalt von der Bevölkerung in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt wird. Denn ich finde, wer hier eine entsprechend lange Zeit (zum Beispiel 5 Jahre) lebt, soll auch mitentscheiden können. Deshalb hat DIE LINKE beispielsweise in ihrem Wahlrechtsantrag genau das gefordert.

Außer diesem Hinweis in Artikel 20 Abs. 2 S. 2 Grundgesetz gibt es in selbigem mit einer Ausnahme aber keine weiteren Hinweise auf die Durchführung, Gegenstände und Anlässe für Volksentscheide. Die Ausnahme befindet sich in Artikel 29 des Grundgesetzes und betrifft die Neugliederung des Bundesgebietes. Diese bedarf der Bestätigung durch einen Volksentscheid. In Artikel 77 wird formuliert, dass die Bundesgesetze vom Bundestag beschlossen werden. Das sich damit im Grundgesetz eine Lücke befindet, hat DIE LINKE erkannt und deshalb in dieser Legislaturperiode im Bundestag einen Gesetzentwurf zur Einführung der dreistufigen Volksgesetzgebung vorgelegt. Auch dieser wurde aber leider abgelehnt.

Wer jetzt also im Hinblick auf den ESM, den Fiskalpakt, die Europäische Union an sich oder einen Sozialpakt eine Volksabstimmung fordert, der oder die sollte auch darauf hinweisen, dass die diesbezüglichen Voraussetzungen erst noch geschaffen werden müssen. DIE LINKE hat dazu vorgelegt, wer außer der LINKEN jetzt noch Volksabstimmungen fordert sollte nachlegen und die gesetzlichen Grundlagen für Volksabstimmungen schaffen.

Derzeit legt der Artikel 23 Abs. 1 S. 2 im Hinblick auf Europa lediglich fest, dass der Bund durch Gesetz mit Zustimmung des Bundesrates Hoheitsrechte übertragen kann. In Satz 3 wird formuliert, dass für die Begründung der Europäischen Union und die Änderung ihrer vertraglichen Grundlagen durch die das Grundgesetz seinem Inhalt nach geändert oder ergänzt wird oder solche Änderungen oder Ergänzungen ermöglicht werden der Artikel 79 Abs. 2 und 3 Grundgesetz gilt. Das bedeutet, dass ein solches Gesetz einer Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des Bundestages und zwei Dritteln der Stimmen des Bundesrates bedarf (Artikel 79 Abs. 2). Darüber hinaus wären solche Gesetze unzulässig, die die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder  die in den Artikel 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berühren (Artikel 79 Abs. 3, Ewiggkeitsgarantie). Auch Artikel 24 enthält, wenn er in Absatz 1 festlegt, dass der Bund Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen übertragen kann, keinen Hinweis auf eine Volksabstimmung.

Der Fiskalpakt ist tatsächlich abzulehnen. Er soll u.a. nach Artikel 1 die Haushaltsdisziplin fördern. In Artikel 3 werden die konkreten und verbindlichen Vorgaben für die Haushalte der Länder festgeschrieben und das ein automatischer Korrekturmechanismus in Kraft tritt, wenn die Vorgaben verfehlt werden. Letztendlich findet mit dem Fiskalpakt  Demokratie- und Sozialabbau statt. DIE LINKE  wird nicht zustimmen sich aber weiter für Volksabstimmungen nicht nur zu europäischen Themen einsetzen.

Dienstlich in Malta, Teil I

Seit 2006 komme ich jedes Jahr mindestens für eine Woche nach Malta. Als Touristin. Jetzt bin ich das erste Mal offiziell hier, als Mitglied der deutsch-maltesischen Parlamentariergruppe.
Angekommen in Malta wurde zunächst die mittelständische Firma Hotset besucht, danach ging es zur Industrie- und Handelskammer. Naturgemäß standen also die wirtschaftlichen Beziehungen zunächst im Vordergrund. Nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer unter 600 Unternehmen zählt Deutschland zu den Top 3, also zu den ersten drei Ländern in die investiert wird. Elektromobilität sei ein Thema, zu dem sich die Industrie- und Handelskammer einen Runden Tisch der Regierungen beider Länder vorstellen könnte.
Wie auch in den weiteren Gesprächen spielte das Thema Erneuerbare Energien eine große Rolle, hier vor allem die Frage nach der Nutzung der Sonnenenergie. Derzeit gibt es 50 Prozent Zuschuss für die Installation von Fotovoltaikanlagen auf Dächern. Malta steht hier noch am Anfang, ist aber Kooperationen gegenüber sehr aufgeschlossen.
Der Parlamentspräsident Mr. Frendo (das Parlament ist hier ein Teilzeitparlament und tagt nach Arbeitsschluss) betonte, dass es schon immer gute Wirtschaftskontakte gegeben habe, aber erst seit dem Besuch der Kanzlerin ist auch erkennbar, dass die politischen Kontakte intensiviert werden. Alle (Regierung, Opposition, Arbeitgeber und Gewerkschaften) seien sich einig, dass eine Einschränkung der Arbeitszeitrichtlinie nicht wünschenswert sei. Im Durchschnitt würde in Malta, das im übrigen einen gesetzlichen Mindestlohn hat, 40 Stunden pro Woche gearbeitet, Überstunden werden vergütet. In der Woche mit dem anderthalbfachen des Stundenlohnes, am Wochenende mit dem zweifachen des Stundenlohnes. Malta spricht sich aus Standortgründen gegen eine Finanztransaktionssteuer aus.
Und während wir so tagten, gewann die Opposition ein Misstrauensvotum gegen den ständigen Botschafter Maltas bei der EU. Morgen gibt es ein Treffen mit dem Außenminister und einen Besuch bei Playmobil.

5%-Hürde bei Europawahl verfassungswidrig

Das Bundesverfassungsgericht hat über die 5%-Hürde entschieden. Bei der Europawahl. Und dort hat es die 5%-Hürde für verfassungswidrig erklärt. Die LINKE hatte bereits einen Gesetzentwurf zum Wahlrecht vorgelegt, in welchem die 5%-Hürde abgeschafft werden sollte, er wurde – Überraschung ;-) – nicht von der Mehrheit des Bundestages beschlossen. Die Forderung nach Abschaffung der 5%-Hürde auch bei der Bundestagswahl bleibt aber natürlich richtig.

Das spannende am Urteil des Bundesverfassungsgerichtes sind nicht die bekannten Ausführungen zur Wahlrechtsgleichheit und auch weniger die zur Verletzung selbiger durch die 5%-Hürde. Spannender sind die Ausführungen WARUM das Bundesverfassungsgericht einen Unterschied zwischen Bundestag und Europäischem Parlament meint machen zu müssen. Spannend an dem Urteil ist, ob sich nicht aus den Argumenten gegen die 5%-Hürde bei der Europawahl aufgrund der Arbeitsweise des Europäischen Parlaments auch Anregungen für die Arbeit des Bundestages und damit einer Weiterentwicklung der parlamentarischen Demokratie ergeben könnten.

Zunächst werden in dem Urteil die bekannten Ausführungen zur Wahlrechtsgleichheit wiederholt ( jede Stimme soll grundsätzlich gleichen Zählwert und gleiche Erfolgschance haben, jede Stimme soll gleichen Einfluss auf die Zusammensetzung der zu wählenden Vertretung haben). Danach erfolgt der Hinweis darauf (auch das ist nicht neu), dass die 5%-Hürde eine Ungleichgewichtung der Wähler/innen-Stimmen bewirkt und die Chancengleichheit beeinträchtigt wird. Im weiteren wird darauf hingewiesen, dass die Wahlrechtsgleichheit nicht absolut gilt und auf Grund eines „sachlich legitimierten `zwingenden` Grundes eine Einschränkung erfolgen kann. Ein solcher zwingender Grund ist  -nach ständiger Rechtsprechung-  „die Sicherung der Funktionsfähigkeit der zu wählenden Volksvertretung. Eine große Zahl kleiner Parteien und Wählervereinigungen in einer Volksvertretung kann zu ernsthaften Beeinträchtigungen ihrer Handlungsfähigkeit führen.“ Diese Standardargumentation gegen die 5%-Sperrklausel wird auch in politischen Debatten um ihre Abschaffung vorgetragen.

Diese Standardargumentation geht aber aus meiner Sicht fehl. Im Normalfall wird dieser Argumentation damit begegnet, dass sie mit einer These arbeitet, die nicht bewiesen ist. Es gibt nicht wirklich einen Beweis dafür, dass mehr Parteien in Parlamenten die Parlamente handlungsunfähig machen.

Interessant an dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist, dass es –vermutlich unfreiwillig- den Argumentationsspielraum gegen eine 5%-Sperrklausel noch erweitert. Im Hinblick auf das Europaparlament hat das Bundesverfassungsgericht wie folgt geurteilt:Faktisch kann der Wegfall von Sperrklauseln und äquivalenter Regelungen zwar eine spürbare Zunahme von Parteien mit einem oder zwei Abgeordneten im Europäischen Parlament bewirken (a). Jedoch fehlt es an greifbaren Anhaltspunkten dafür, dass damit strukturelle Veränderungen innerhalb des Parlaments einhergehen, die eine Beeinträchtigung seiner Funktionsfähigkeit hinreichend wahrscheinlich erwarten lassen (b). Durch die europäischen Verträge sind die Aufgaben des Europäischen Parlaments so ausgestaltet, dass es an zwingenden Gründen, in die Wahl- und Chancengleichheit durch Sperrklauseln einzugreifen, fehlt (c).“

Das besagt zunächst noch nicht viel, weswegen die weiteren Ausführungen zu beachten sind. Das Bundesverfassungsgericht schreibt: „Es ist nicht erkennbar, dass durch die Zunahme von Parteien mit einem oder zwei Abgeordneten im Europäischen Parlament dessen Funktionsfähigkeit mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit beeinträchtigt würde. […] Zentrale Arbeitseinheiten des Europäischen Parlaments sind die Fraktionen […] Der Umstand, dass das Europäische Parlament, anders als die nationalen Volksvertretungen, nicht durch den Gegensatz zwischen (Regierungs-)Mehrheit und Opposition gekennzeichnet ist, erlaubt den Fraktionen einerseits eine gewisse Offenheit gegenüber den in ihnen gebundenen Abgeordneten, andererseits kommt ihnen dadurch in einem erhöhten Umfang die Aufgabe zu, von Fall zu Fall ihre Mitglieder zu gemeinsamem Vorgehen zu bewegen. […] Die Fraktionen haben es über die Jahre hinweg vermocht […] hinzutretende Parteien zu integrieren. Nach diesen Erfahrungen […] ist jedenfalls grundsätzlich davon auszugehen, dass auch weitere Kleinparteien, die beim Fortfall der Sperrklauseln im Parlament vertreten wären, sich den bestehenden Fraktionen anschließen können. Eine Folge der Aufnahme einer Vielzahl von nationalen Parteien und Abgeordneten unterschiedlicher Herkunft und Tradition ist allerdings, dass die einzelnen Fraktionen im Europäischen Parlament eine große Bandbreite verschiedener politischer Strömungen in sich vereinen. […] Da keine der im Europäischen Parlament vertretenen Parteien oder der dort gebildeten Fraktionen über eine Mehrheit der Abgeordneten verfügt und eine solche Mehrheit auch nicht zu erwarten ist, müssen die Fraktionen zur Mehrheitsgewinnung Absprachen treffen und Bündnisse eingehen. […] Von sachverständiger Seite wurde hervorgehoben, dass es zwischen Fraktionen im Europäischen Parlament keinen Koalitionsvertrag gebe und daher bei jeder Sach- und Personalfrage eine Einigung gefunden werden müsse, […].

Sofort stellen sich ja mehrere Fragen: Muss zwingend der Parlamentarismus in Bund und Land vom Gegensatz zwischen (Regierungs-)Mehrheit und Opposition gekennzeichnet sein? Liegt es nicht an der politischen Kultur in Deutschland, dass es nicht von Fall zu Fall zu gemeinsamem Vorgehen über Fraktionsgrenzen hinaus kommt?  Warum fangen wir (also die Abgeordneten) nicht einfach an, mit dieser Kultur zu brechen? Warum nutzen wir die Ausschüsse und das Parlament nicht als Ort, wo Argumente abgewogen und gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird? Am Ende steht entweder eine Mehrheit der Abgeordneten oder nicht, aber es gibt nicht mehr den Automatismus „kommt von der Opposition, also ablehnen“. Warum soll es nicht möglich sein für jede Sach- und Personalfrage eine Mehrheit zu finden, jenseits von Koalitionsverträgen und der Einordnung in Mehrheits- oder Minderheitsfraktion? Und was ist eigentliche gegen eine größere Bandbreite verschiedener Strömungen in einer Fraktion einzuwenden?

Ob sich das Bundesverfassungsgericht die Fragen gestellt hat, kann ich nicht beantworten. Es scheint jedoch davon auszugehen, dass die –leider- herrschende politische Kultur in deutschen Parlamenten noch 100 Jahre bestehen bleiben wird, wenn es formuliert: „Die Fünf-Prozent-Sperrklausel findet bei der Wahl zum Deutschen Bundestag ihre Rechtfertigung im Wesentlichen darin, dass die Bildung einer stabilen Mehrheit für die Wahl einer handlungsfähigen Regierung und deren fortlaufende Unterstützung  nötig ist […]. Eine vergleichbare Interessenlage besteht auf europäischer Ebene nach den europäischen Verträgen nicht. Das Europäische Parlament wählt keine Unionsregierung, die auf seine fortlaufende Unterstützung angewiesen wäre. Ebenso wenig ist die Gesetzgebung der Union von einer gleichbleibenden Mehrheit im Europäischen Parlament abhängig, die von einer stabilen Koalition bestimmter Fraktionen gebildet würde und der eine Opposition gegenüberstünde.“ Zumindest letzteres Problem könnte man auf der Ebene des Bundestages lösen, wenn einmal darüber nachgedacht werden könnte, dass auf Grund der erzielten Mehrheitsverhältnisse die Regierungsämter besetzt werden und dann eben für jeden Vorschlag eine Mehrheit aus der Mitte des Parlaments gefunden werden muss. Ist natürlich nicht von heute auf morgen zu machen und sicherlich auch ein streitbarer Vorschlag. Eine Debatte darüber mit pro und contra jedoch hätte Charme und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass es gute Argumente dagegen gibt.

Brüssel, Workshop und das Wetter

Am gestrigen Tag war ich in Brüssel zum Workshop “Democracy in Europe and in the Middle East – Civil Actors Exchange Ideas and Experiences” der Rosa-Luxemburg-Stiftung um in einem Panel zum Thema “Mass Media and Internet Democracy” zu sprechen.  Doch bevor ich einiges zum Workshop schreibe, will ich zunächst über das Wetter reden :-) . Dieses ist  in Brüssel in einer Weise wechselhaft, wie ich es bisher nicht kannte. Während ich am gestrigen Tag geneigt war kurze Hosen und Shirt anzuziehen, ärgerte ich mich ob des heutigen Nieselregens und der Temperaturen keinen Pullover mitgenommen zu haben.

Sehr interessant war der Vortrag von Prof. Tamar Hermann welche regelmäßig einen Demokratie-Index bezogen auf Israel erstellt und einige Daten aus dem Index vom März 2011 vortrug.  Ihre Grundaussage war, das Isreal eine Demokratie sei, wenn auch keine perfekte und das mit der Lösung des Isreal-Palästina-Konfliktes nicht alle Demokratie-Probleme gelöst seien. 12% der Wahlberechtigten Israelis sind Araber, eine Tatsache die häufig nicht bekannt ist.  Aus ihrer Sicht gibt es eine Spannungz zwischen Demokratie und Religion, ein Teil der orthodoxen und ultraorthoxen Juden akzeptiere wesentliche Elemente von Demokratie nicht. Dem jedoch steht eine aktive und offene Zivilgesellschaft gegenüber.  Der tiefste Graben der israelischen Gesellschaft sei der zwischen jüdischen und arabischen Menschen. In der Theorie werde die Grundlagen der Demokratie, wie gleiche Rechte für alle, akzeptiert, praktisch gäbe es aber immer wieder Schwierigkeiten. In neuesten Umfragen sprachen sich allerdings 2/3 der befragten Einwohnerinnen und Einwohner dafür aus, dass die in Israel lebenden Araber als Israelis anerkannt werden sollen (wichtig ist hier: es ging hier nicht um die Frage der Staatsbürgerschaft, sondern die Frage des gesellschaftlichen Anerkennung als gleichberechtigee Bürgerinnen und Bürger). Dies entspricht ungefähr dem gleichen Prozentsatz derjenigen, die sich dafür aussprachen, dass eine solche Haltung auch Wehrdienstverweigerern zugesprochen werden sollte. Eine ziemlich Veränderung der israelischen Gesellschaft im Vergleich zu früheren Jahren. Allerdings -und da waren wir dann bei den Gemeinsamkeiten mit Europa- gibt es auch in Israel eine Parteienverdrossenheit. 7% der Bürgerinnen und Bürger sind in Parteien organisiert, deren Ruf ist eher schlecht. Sie gelten als korrupt und altmodisch. Daniel Cirera aus Frankreich sah als größte Herausforderung für die Demokratie in Europa den Umgang mit Fremdenhass an. Er sah die demokratischen Systeme in Europa in der Krise und verwies dabei auf die geringe Wahlbeteiligung von 46% bei der Präsidentschaftswahl in Portugal und die extreme Zunahme von Wahlerfolgen rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien in Europa. An dieser Stelle sei mir ein kleiner Abstecher erlaubt. Ich finde es nach wie vor richtig, von Rechtsextremismus zu sprechen und nicht von Neofaschismus.

Mossi Raz sprach im zweiten Panel darüber, dass es aus seiner Sicht zu wenig Linke in Israel gibt, die sich gesellschaftlichen Veränderungen und insbesondere der sozialen Thematik zuwenden.  Das führt zu einer Zunahme zivilgesellschaftlichen Engagements, die Zivilgesellschaft will sich dabei aber nicht mehr den Parteien unterornden.  Er verwies in diesem Zusammenhang allerdings auch darauf hin, dass sich trotz der Tatsache, dass sich zwei Drittel der israelischen Bevölkerung für eine Zweistaatenlösung im Israel-Palästina-Konflikt ausprechen,  Menschenrechtsorganisationen die sich beispielsweise gegen weitere Siedlungen aussprechen nicht wohlgelitten sind.  Aus seiner Sicht sind es auch sekuläre und in der politischen Landkarte in der Mitte angesiedelte Parteien, die sich am Versuch beteiligen, den Demokratieraum einzuengen.  Birgit Daiber erklärte im Rahmen dieses Panels das Links für sie sei für Frieden einzutreten, für Demokratie und den Kampf gegen soziale Ausgrenzung zu führen.

Im dritten Panel sprach Anat Saragusti, die u.a. als Journalistin im Gaza-Streifen unterwegs war, über das Bild der israelischen Gesellschaft, wie es über die Mainstreammedien verbreitet wird. Anhand von Zahlen wies sie nach, dass sowohl Migrantinnen und Migranten als auch die arabischen Einwohner mehr als unterproportional in den Medien eine Rolle spielen. Das wiederum prägt aber das Bild von Migranten und arabischen Einwohnern in der Israelischen Mehrheitsgesellschaft. Deshalb macht sie unter anderem Führungen mit israelischen Journalistinnen und Journalisten in mehrheitlich arabisch bewohnten Gebieten Israels. Sie verwies auf die große Gefahr, die sich daraus ergibt, dass es keinen arabisch sprechenden Fernsehsender in Israel gibt und die arabischen Einwohnerinnen und Einwohner ihre Informationen allein aus den Sendungen von al Dshasira und aus den arabischen Sendungen aus dem Westjordanland erhalten. Eine Gesellschaft die zusammengehören will muss an dieser Stelle tatsächlich zusammenführen und nicht noch über Medien die Gräben weiter vertiefen.

Gern hätte ich dem Workshop noch länger gefolgt, aber ich musste nach Berlin zurück. Hier allerdings scheint jetzt die Sonne :-)

 

 

A city for all – Erfahrungsaustausch in Tel Aviv

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte eingeladen und organisiert – und ich bin gern geflogen. Nach Israel, genauer nach Tel Aviv. Dort nahm ich an einem Workshop zur Stadtentwicklung teil, in welchem der Arbeitskreis Metropolenpolitik der LINKEN in Berlin gemeinsam mit der Bewegung “A city for all” über Erfolge, Niederlagen und Herausforderungen linker Stadtpolitik sprach. Vieles zum Workshop und zum Aufenthalt in Israel hat Klaus Lederer bereits geschrieben, der ebenfalls Teilnehmer des Workshops war (und im Gegensatz zu mir, die ich nun zur Parteivorstandssitzung muss, noch vor Ort ist).

Vor Ort gab es zunächst ein Gespräch mit Dov Khenin, Mitglied der Knesset und Mitglied in der Partei Chadasch. Dov machte deutlich, dass Israel geprägt ist vom Konflikt mit Palästina und vor diesem Hintergrund eine stadtpolitische Alternative zu schaffen eine große Schwierigkeit darstellte. Im Hinblick auf Chadasch machte er drei sog. Alleinstellungsmerkmale aus: Chadasch steht für die Zweistaatenlösung mit Israel in den Grenzen von 1967, Chadasch war Opposition gegen den Libanon Krieg und den Krieg in Gaza und Chadasch steht in Opposition zu einem ultrakapitalistischen Kurs Israels u.a. mit Privatisierungen. Sie versuchen das soziale und ökologische miteinander zu verbinden. Chadasch thematisiert die Situation der arabischen Minderheit in Israel und versucht die Minderheit zu überzeugen, sich in Politik einzumischen. Dov selbst kandidierte als Bürgermeisterkandidat für “a city for all” und erzielte tatsächlich ein beachtliches Ergebnis. Ganz deutlich sprach Dov sich für ein Stop des Siedlungsausbaus aus.

Danach ging es zum Workshop. Die Mitglieder von “a city for all” kommen aus verschiedenen Bewegungen und haben sich zusammengeschlossen um erfolgreicher zu sein. Die größten stadtpolitischen Probleme, welche von ihnen angesprochen werden, sind die Verkehrssituation, die Zerstörung von Häusern und steigende Mieten und die damit einhergehende Vertreibung von Menschen. Der Slogan der Bewegung ist: Gebt die Stadt den Bürgern zurück! Sie wollen deutlich machen, dass Stadtpolitik mehr ist als Infrastruktur die auch Menschen beherbergt, sondern dass die Stadt aus vielen Individuen besteht, die gemeinsame Interessen haben. Und ihr eigentlicher Erfolg -so die Mitglieder- ist das sie einen Paradigmenwechsel erreicht haben, die Leute ihre Stadt jetzt anders wahrnehmen und sich einbringen wollen. Das alles ginge aber nicht mal so hau ruck, sondern war Ergebnis langer Arbeit, beginnend knapp 1,5 Jahre vor der Wahl. Das wirklich beeindruckende war, dass die Mitglieder über Tel Aviv hinaus versucht haben Ideen zu entwickeln, wie die Linke in Israel -lernend aus den Erfahrungen in Tel Aviv- stärker werden kann. Ihr zentraler Vorschlag lautet: Reale Lösungen für reale Probleme entwickeln! Mit den Menschen auf Augenhöhe reden und sich inhaltlich breit aufstellen. Über konkrete Lösungsvorschläge kommen sich Menschen näher und Vorurteile verschwinden. In der Fraktion im Stadtparlament von “a city for all” sitzen Menschen, die sonst so nicht zusammen gekommen wären. Das für mich überzeugendes Beispiel praktischer Politik war die Diskussion um den öffentlichen Personennahverkehr. In Tel Aviv gibt es den Traum, den Wunsch und die Idee eine U-Bahn zu bauen. Alle wissen, das kostet Zeit und Geld. Beides ist im Moment nicht übermäßig vorhanden. Der tagtägliche Autoverkehr ist aber auch eine Zumutung. “A city for all” hat nun in vielen gemeinsamen Sitzungen mit Experten einen Vorschlag für Busrouten vorgeschlagen, die das Problem lösen würden. Dazu hat Dov sich zunächst auch in der Knesset dafür stark gemacht, dass die Städte die diesbezügliche Entscheidungskompetenz bekommen können und die Mitglieder von “A city for all” haben mittlerweile unzählige Postkarten mit der Idee der Busrouten verteilt. Und wer noch die ideologische Note dazu braucht: Mit dem Vorschlag wird der Vorrang der Öffentlichkeit vor dem Privaten wieder hergestellt.Spannend war für uns die Frage, wie die Vertreter/innen von “A city for all” aus der Stadtfraktion die Verbindung zu ihren Unterstützer/innen halten. Sie berichteten von regelmäßigen Treffen mit Unterstützer/innen, auch mit Leuten die enttäuscht sind.

Am Abend diskutierten dann Dov Khenin und ich über linke Stadtpolitik. Hier wurden noch mal Gemeinsamkeiten zwischen Tel Aviv und Berlin beleuchtet. Gemeinsam ist wohl beiden Städten, dass die Menschen gern hier leben, Tel Aviv sei aber deutlich reicher als Berlin. Aber in beiden Städten gibt es Gentrifizierung und eine drohende Spaltung. Gemeinsam ist den Akteuren, dass sie versuchen den Stimmlosen eine Stimme zu geben und konkrete Lösungen für konkrete Probleme anzubieten. Berlin konnte da einige Erfolge aufweisen, die interessiert aufgenommen wurden.

Am Vormittag war ich dann noch bei den Ärzten für Menschenrechte. Diese Organisation wurde 1989 gegründet und ihr geht es um den Zugang von Flüchtlingen, Migranten und Palästinenser/innen zu medizinischer Versorgung. Die Organisation hilft u.a. im Gazastreifen mit der Ausbilung von palästinensischen Ärzten. Sie wenden sich gegen die Privatisierung des Gesundheitswesens und sensibilisierten uns für die Flüchtlingsfrage in Israel. Vor allem aber sagten sie uns, dass die Abschottung Europas durch Frontex dazu führt, dass vermehrt Flüchtlinge nach Israel kommen. Ausgesprochen problematisch ist, dass Flüchtlinge keine medizinische Versorgung bekommen, es sei denn es besteht akute Gefahr. So kann es passieren, dass ein Gips angelegt wird, für die Abnahme gibt es dann aber keine Chance. Ein ganz aktuelles Problem ist, dass beispielsweise Palästinenser/innen die auf Grund ihrer Homosexualität nach Israel fliehen, nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, da es ja keine Grenze gäbe.

Auch deshalb will ich am Ende noch auf etwas hinweisen: In der Haretz vom 18. Mai 2011 ist eine große Anzeige: “recognizing a palestinian state based on the 1967 borders is vital for israel`s existence”. Diese Anzeige ist insofern beachtenswert als hier u.a. vormalige hohe Militärs und frühere Botschafter und viele mehr unterzeichnet haben. Für mich ist eines klar: Die Anerkennung des Existenzrecht Israels ist die Grundlage jeglicher Politik in dieser Frage. Die Initiative wie sie in der Haretz steht, ist auch deshalb unterstützenswert.

Keine Zeit

Es gäbe soviel zu schreiben. Gerade die die letzte Woche war voll von wichtigen, beeindruckenden Ereignissen. Aber ich komm nicht hinterher :-( .

Was ist nicht alles passiert. Der neue Stasi-Unterlagen-Beauftragte Roland Jahn bot eine -für mich- überzeugende Vorstellung in der Linksfraktion und hat völlig zu Recht auch Stimmen aus meiner Partei bei seiner Wahl erhalten. Die Gedenkstunde für die Opfer des Holocaust war ausgesprochen bewegend, nicht nur wegen der Rede von Herr Weisz. Der Parteivorstand traf sich mit den Landesvorsitzenden, im Rechtsausschuß wurde über Pressefreiheit geredet und die Mehrheit des Bundestages stimmte -bedauerlicherweise- für die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Gregor Gysi hat völlig zu Recht eines gefordert: ein Abzugsmandat.  In Nordafrika wird Geschichte gemacht, eine Entwicklung die ich gespannt verfolge.

Und es gab noch etwas in der vergangenen Woche, jenseits der großen Öffentlichkeit. Es gab den Empfang zum 5jährigen Bestehen der “Föderation der Dersim Gemeinden in Europa e.V.”? Sagt ihnen nichts? Schade. Die Dachorganisation, Dersim Gemeinden in Europa e.V., leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Pflege der Dersimer Kultur, sowie eine gute Öffentlichkeitsarbeit über die historischen aber auch aktuellen Ereignisse in Dersim. Als Dachverband vereint sie nicht nur die Dersimer Gemeinden und Vereine in Europa, sondern ermöglicht damit auch gleichzeitig eine Vernetzung aller, in der Diaspora lebenden, Dersimer. Dersim, Dersimer, Dersimer Kultur?

Bei Dersim handelt sich um eine Region in der Türkei. Die türkische Regierung hatte schon zu Beginn der Republikgründung versucht, die Region durch Assimilation, Repression und Zwangsumsiedlungen zu homogenisieren. Der Begriff Dersim wurde ersetzt, die Region Dersim aufgeteilt, die Dersimer Bevölkerung umgesiedelt. Die Folgen für die Stadt und ihre Bevölkerung waren schwerwiegend und von zahlreichen Widerständen gekennzeichnet. Die Gründe für die enormen Repressionen von Seiten der türkischen Regierung waren sehr unterschiedliche: die Dersimer gewährten den Armeniern während des Massakers von 1915 bis 1917 Schutz; die Dersimer weigerten sich vehement dagegen, sich mit den Türken an diversen Kriegen zu beteiligen (z.B. der „Unabhängigkeitskrieg“ der Türkei von 1919 bis 1923 und der Erste Weltkrieg) und sie hatten einen anderen Glauben (Alevitismus) und eine andere Sprache.  Das bedeutete, dass Dersim, der Regierung zuwider handelte und somit einen ungewollten Autonomie-Status einnahm. Dieser Status sollte mit Hilfe eines Umsiedlungsgesetzes durchbrochen werden. Daraufhin entstanden Widerstände von Seiten der Dersimer, der Dersim – Aufstand von 1937. Dieser wurde von der türkischen Regierung, durch eine militärische Intervention unterdrückt und brachte zahlreiche Opfer mit sich. Diese Vorfälle sollen mit dem Oral History Projekt Dersim 1937/38 aufgearbeitet werden. Der Militärputsch in der Türkei am 12. September 1980 löste eine Auswanderungswelle aus, deren  tiefe Spuren heutzutage noch zu spüren sind. Wer die Möglichkeiten hatte, ist mit der Familie und den Verwandten nach Europa geflohen, um seine Existenz in Sicherheit zu bringen. Die Entvölkerung der Dörfer in ganz Kurdistan und auch in Dersim veranlasste in den 90er Jahren massenhafte Auswanderungen. Einige konnten in Europa ankommen, der Rest blieb am Rande der Städte und führte ein Leben in Armut. Die in der Föderation zusammengeschlossenen Vereine versuchen die Religion oder auch die Lebensphilosophie des Alevitismuses für die Nachfolgenden Generationen weiterzugeben, ebenso die Pflege der fast ausgestorbenen Sprache Zazaki.

Auf dem Empfang konnte ich ein kurzes Grußwort halten. Und wie das so mit Grußworten ist, sie sind kurz und eigentlich würde frau den Veranstaltern viel mehr sagen wollen. Desahlb an dieser Stelle nur nachträglich und ganz kurz:  Der Schutz der Minderheiten in der Türkei ist immernoch nicht vollkommen garantiert und mittlerweile leben mehr Menschen aus Dersim in der Diaspora, als in ihrer Heimat. Zu hoffen bleibt, dass die Türkei zumindest durch die angestrebte Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union und damit im Rahmen der Erfüllung der Kopenhagener Kriterien endlich auch die Minderheitenrechte der Kurden, Aleviten und Zazas vollständig gewährleistet und darüberhinaus auch unterstützt. Solange dies nicht vollständig in der Heimat dieser Minderheiten hergestellt ist, bedarf es um so mehr  Unterstützung. Denn gemeinsam muss ein Beitrag geleistet werden,  dass diese alte Kultur, Sprache und Religion nicht verloren gehen.

Jetzt geht es aber erst mal auf in eine neue Woche, in der vielleicht ein wenig mehr Zeit bleibt für einen Blogeintrag.

Woche gegen Homophobie auch in Cuba

Dieses -auch für mich- überraschende Ergebnis brachte ein Gespräch, welches ich heute gemeinsam mit meinem Kollegen Stefan Liebich mit Mariela Castro-Espin führte.

Erfrischend offen debattierten wir mit ihr die Frage der Gleichstellung von Homosexuellen und Transsexuellen in Cuba. Als Direktorin des Nationalen Zentrums für sexuelle Aufklärung ist sie in dieser Hinsicht ausgesprochen aktiv. Sie berichtete uns, dass Ender der 90iger Jahre die Arbeit zur Sensibilisierung für das Anliegen sexueller Vielfalt vorangetrieben wurde und nunmehr erste Erfolge zu verzeichnen sind.  Im Jahr 1997 wurde die Strafbarkeit homosexueller Handlungen aus dem StGB entfernt, es läuft eine Debatte das Familiengesetzbuch dahingehend zu ändern, dass die Ehe nicht allein zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann. Ihr Ziel sei -egal ob am Ende das Ding Ehe oder Partnerschaft heißt- eine vollständige Gleichstellung der verschiedenen Beziehungsformen. Es gibt Widerstand gegen diese Idee, nicht nur von der Kirche. Im nächsten Jahr soll im cubanischen Parlament ein Vorschlag für ein Lebenspartnerschaftsgesetz eingebracht werden, welches für die Lebenspartnerschaft die gleichen Rechte vorsieht wie für die Ehe. Aus Sicht von Mariela Castro-Espin wird dazu aber noch einige Überzeugungsarbeit nötig sein, Mithilfe ist dabei gern gesehen :-) .

Mariela Castro-Espin warb darum beim Thema Gleichstellung aller Lebensweisen die Bevölkerung mitzunehmen und erklärte, dass es durchaus innerhalb der Gesellschaft auch kritische Stimmen gegen das Vorhaben gibt. Vor diesem Hintergrund glaube sie, dass beispielsweise ein CSD in Havanna das Gegenteil dessen bewirken würde, was er beabsichtigt. Ein solcher CSD würde sicherlich nicht angegriffen werden, aber er würde Vorbehalte reproduzieren und so dem Anliegen eher schaden. Stattdessen setze sie auf eine ständige Konfrontation der Bevölkerung mit dem Thema sexuelle Vielfalt. Höhepunkt dieser Aktivitäten ist die seit 2008 jährlich stattfindende Woche gegen Homophobie um den 17. Mai herum. Mit Ausstellungen, Lesungen und Filmen wird die Sensibilisierung für das Thema vorangetrieben. Auch bei diesen Aktivitäten jedoch gibt es nach wie vor Beschwerden. Interessant aus meiner Sicht war ihr Blick auf die “Bewegung” in Cuba aber auch insgesamt. Sie kritsierte sehr deutlich das auch dort vorhandene Patriarchat. Sowohl Lesben als auch Transsexuelle stehen innerhalb der Bewegung, die für die Gleichstellung aller Lebensweisen eintritt eher in der zweiten Reihe.

Zum Schluss deutete Mariela Castro-Espin die Grundzüge eines geplanten Transsexuellengesetzes an, welches von ihr vorgeschlagen wird. Es sei ein medizinisches Zentrum für Transsexuelle gegründet worden und ihr Vorschlag sieht eine integrale Regelung an vom Namensrecht bis zum Steuerrecht. Es soll nicht zwingend eine Operation für eine Geschlechtsumwandlung notwendig sein, ohne OP soll eine Namensänderung im Pass ermöglicht werden und in den Schulen soll das Thema sexuelle Identität behandelt werden.

Erfrischend anders als bisher erlebt war dieses Gespräch und besonders gefreut habe ich mich über die Aussage, dass eine sozialistische Gesellschaft eine Diskriminierung auf Grund der sexuellen Identität nicht zulassen dürfe.  Sicherlich wäre noch viel mehr zu bereden gewesen, aber irgendwann war die Zeit um.

Schwieriges Thema verlangt umfassende Information

… und keine schnellen Antworten.

Nachdem schon eine andere Tages”zeitung” einen Brief Israelischer Linker veröffentlicht hat, hat nun auch das Neue Deutschland die Debatte aufgegriffen. Einigen schien dies nicht Verbreitung genug zu sein (oder sie meinen es wird keine Zeitung gelesen) und schickten den Brief gleich noch  einmal per Mail. Selbstsverständlich geht es in der Debatte um Nahost und die Bezugnahme auf den Brief nicht um innerparteiliche Auseinandersetzungen.

Die Debatte ist sicherlich notwendig und sie wird geführt. Der Brief jedoch scheint mir aber auf Grund ziemlich einseitiger Informationen zu Stande gekommen zu sein. Ich will das an drei Beispielen belegen:

Da wird davon gesprochen, dass führende Mitglieder an einer Demonstration teilgenommen haben, in der die Weiterbombardierung des Gaza-Streifens gefordert wurde. Ist bekannt, was dort gesagt wurde? Nein?  Dann verweise ich einmal auf diese Stellungnahme und auf diesen Brief.

Es wird weiterhin davon gesprochen, dass es einen Arbeitskreis in der Partei DIE LINKE gibt (BAK Shalom), der jedes Vorgehen des Staates Israel unterstütze. Es gibt einen BAK Shalom im parteinahen Jugendverband “Linksjugend [`solid]” und ob dieser “jedes Vorgehen des Staates Isreal” unterstützt, mag jede und jeder selbst nachlesen und beurteilen, am besten im Original.

Dann wird behauptet, dass die führenden Parteimitglieder zur Isrealischen Besatzungspolitik schweigen. Ich verstehe den Beschluss des Geschäftsführenden Parteivorstandes vom 25. Mai 2009 nicht als Schweigen, sondern unterstütze ihn nach wie vor.

Ich würde gern mit der Isrealischen Linken genau über die im Beschluss genannten Punkte debattieren. Mir ist nämlich nicht bekannt, dass die israelische Besatzungspolitik in der LINKEN als “Lehre aus der deutschen Geschichte” gerechtfertigt wird.

Die israelische Linke (oder der Teil der den Brief geschrieben hat) macht Vorschläge. Diese Vorschläge sind aber nicht neu, sie tauchen zum Teil im genannten Beschluss des Geschäftsführenden Parteivorstandes auf (Waffenexportverbot, Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Strukturen) zum Teil gibt es Differenzen. Mir scheint der Beschluss des Geschäftsführenden Parteivorstandes geht deutlich weiter, als die Forderungen derjenigen, die einen Brief geschrieben haben.

Mir persönlich würde es ganz gut gefallen, wenn jemand der/die die Absender/innen kennt Ihnen den Beschluss des Geschäftsführenden Parteivorstandes zur Kenntnis bringt und anhand der dort vorgeschlagenen Punkte debattiert werden könnte.

Straßenwahlkampf und BUND-Diskussion

Der Straßenwahlkampf war heut richtig erfolgreich. An der Warschauer Brücke musste ich mal schnell das Wahlprogramm auf Englisch erklären und war damit offensichtlich erfolgreich. Denn der junge Mann, der mir erklärte er könne in Deutschland wählen, versicherte mir danach, dass er nun DIE LINKE wählen würde.

Am Schlesischen Tor wurde ich zu einem Kaffee eingeladen, schwatzte eine Runde mit den Bürgern (es waren nur Männer) und konnte danach einen Teil der Materialien zur Weiterverteilung da lassen.

Danach ging es dann zur BUND Diskussion zum Thema Klimaschutz, A 100 und Bahn. Frau Lengsfeld erklärte dem -wie mir schien- verdutzten Publikum, dass es Klimawandel schon immer gegeben habe und menschliches Handeln daran wenig ändern könne. Das Kyoto-Protokoll sei wenig effektiv gewesen und deshalb sei sie auch nicht für eine Fortschreibung desselben.  Mir war im Hinblick auf Klimaschutz wichtig auf das ITT-Projekt in Ecuador hinzuweisen. Im Amazonas liegen unter dem dortigen Regenwald 1 Mrd. Barrel Öl. Die Regierung dort will auf die Förderung des dort liegenden Öls verzichten, wenn die internationale Gemeinschaft die Hälfte des zu erzielenden Netto-Betrages an Ecuador zahlt. Ein ökologisch sinnvolle Sache, schützt sie doch nicht nur den Wald und die Artenvielfalt. Eine solche Lösung würde auch eine Umsiedlung der indegenen Bevölkerung verhindern. Diese Idee will ich gern publizieren und hoffen, dass der Vorschlag Ecuadors angenommen wird und die internationale Gemeinschaft ihren Beitrag dazu leistet, dass der Wald erhalten bleibt.

Bei der A 100 gab es bei Björn Böhning, Hans-Christian Ströbele und mir Übereinstimmung, dass der 16. Bauabschnitt nicht gebaut werden soll, was Markus Löning und Vera Lengsfeld anders sahen. Richtig klar wurde mir allerdings nicht, warum Rot-Grün diesen Bauabschnitt dann in den Bundesverkehrswegeplan 2003 aufgenommen hat und die Rot-Grüne Bundestagsmehrheit im Jahr 2004 dies abgenickt hat. Das Geld für die Autobahn kommt vom Bund und mit dem gilt es zu verhandeln, dass das Geld für andere Zwecke verwendet werden kann, beispielsweise Lärmschutz oder projektgebundenen Schienenausbau. Hans-Christian Ströbele meinte, es gäbe eine Vereinbarung mit dem Bund, dass das Geld für andere Dinge ausgegeben werden könne. Wenn dem so sein sollte, wieso musste dann aber der 16. Bauabschnitt in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden?  Noch absurder wurde es, alllerdings als aus dem Publikum behauptet wurde, es gäbe keine Grünen die für Autobahnen seien. Nun ja, sage ich da. Schaut nach Bremen wo Reinhard Loske einen ganzen Autobahnring bauen lassen will.

Doch auch beim Thema Bahn wurde es etwas schwammig. Ich bin ja froh, dass im Koalitionsvertrag eine Garantie für die BVG als vollintegriertes und vollständig in öffentlichem Eigentum stehendes Unternehmen abgegeben wurde, anders als im Grünen Wahlprogramm zur Abgeordnetenhauswahl 2006 (Seite 30, wer nachlesen will), nach dem es eine Trennung von Infrastruktur und Betrieb geben soll. Die Infrastruktur soll dauerhaft in öffentlicher Hand bleiben. Der Betrieb also nicht? Das deckt sich dann mit der Forderung der Grünen im Hinblick auf die S-Bahn, eine Ausschreibung vorzunehmen.  Ob an deren Ende dann noch öffentliches Eigentum stehen würde, wage ich mal ganz sacht zu bezweifeln.  Aber es gibt ja den Vorschlag von Hans-Christian Ströbele, den Vertrag mit der S-Bahn wegen nicht erbrachter Leistung zu kündigen. Wenn ich das richtig sehe, handelt es sich um eine außerordentliche Kündigung, ohne Fristen alos. Was dann passieren solle, fragte ich nach. Die -für mich verblüffende- Antwort lautete, dass die S-Bahn die Leistungen dann weiter erbringen soll, bis die Ausschreibung beendet sei.  Nun ja, verstehe ich nicht ganz, muss ich vielleicht auch nicht.

Bahn, S-Bahn und BVG gehören in öffentliche Hand, sie sind ein Bestandteil der Daseinsvorsorge und nur, wenn die öffentliche Hand Herrin ist, kann politisch Einfluss genommen werden. Es ist also auch eine Frage der Demokratie, wem was gehört.

Stell dir vor,

…. es würde ein grünes/rotes Marsmännchen kommen und dir eine Milliarde Euro geben. Was würdest du damit tun. Diese interessante Frage, war die letzte Frage bei der heutigen Diskussionsveranstaltung im Hertz-Gymnasium. Diese Frage richtete sich an alle noch verbliebenen Direktkandidaten/innen (Frau Lengsfeld von der CDU musste die Veranstaltung wegen eines anderen Termines früher verlassen). Herr Böhning, Herr Löhning und Herr Ströbele haben das Geld für Dinge und Sachen in Deutschland ausgegeben. Ich nicht.

Es ist reiner Zufall, dass das Geld vor meinen Füssen gelandet ist. Ich habe nichts dafür getan, dieses Geld zu erhalten. Es gibt auf der Welt Länder und Menschen denen es deutlich schlechter geht als uns in Deutschland. Ich würde mindestens 0,7% dieser eine Milliarde Euro an die Länder in Afrika und auf der südlichen Halbkugel geben. Vermutlich sogar mehr. Als einen Beitrag für die Herstellung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, in der Analphabetismus, Armut und Hunger überwunden werden. Ich würde das Geld Organisationen vor Ort geben, weil die am besten wissen, was damit zu tun ist. Sollte dann noch etwas übrig sein, würde ich das Geld für all die schönen Dinge verwenden die im Wahlprogramm der LINKEN stehen.

Die Veranstaltung war auch sonst ganz interessant.  Herr Löhning und Frau Lengsfeld wollen ein Mindesteinkommen bzw. Bürgergeld statt Mindestlohn, also vom Steuerzahler/der Steuerzahlerin zur Verfügung gestellte Mittel wenn der Arbeitslohn nicht reicht. Schön, dass aus dem Publikum den beiden die Finanzierungsfrage gestellt wurde.

Interessant war aus meiner Sicht, dass auf Nachfrage Herr Ströbele für die Grünen keine Angaben zur Höhe der Vermögensabgabe machen konnte. Weder einen Prozentsatz noch ab welchem Vermögen und dass Herr Ströbele erklärte, dass er zwar für einen Rückzug aus Afghanistan sei, dies aber nicht die Position der Grünen Bundestagsfraktion ist.

Morgen wird es dann ein ganz voller Tag. Früh am Morgen werde ich am Jobcenter sein, dann geht es wieder ins OSZ um danach mit n-tv das Interview der Woche zu machen. Am Ende steht dann eine Debatte bei der taz an.