Der lange Schatten der Vergangenheit

Dienstag, 16. August 2001, 6.30 Uhr S-Bhf. Buch. Für’s Frühstück hat es nicht mehr gereicht – zu früh. Wenn ich um 5 Uhr aufstehe bekomme ich noch nichts herunter.  Aber immerhin regnet es nicht. Freudig also starte ich in den ersten Tag meines Berliner Straßenwahlkampfes. Aber für meine Partei und insbesondere für Elke Breitenbach stehe ich doch gern früh auf.

Straßenwahlkampf heißt ein fröhliches lächeln aufsetzen und freundlich mit einem: „Guten Morgen, darf ich ihnen eine kleine Wahlhilfe überreichen“ auf die Menschen zugehen. Gleich der Erste jedoch, dem ich die abgebildete Elke und das Kurzwahlprogramm in die Hand drücken will blafft mich an: „Ihr habt mich ins Gefängnis gesteckt, von Euch nehme ich nichts.“ Ich versuche noch zu argumentieren, nicht wir, sondern eine unserer Vorgängerparteien, aber er hört nicht mehr zu.

Danach läuft es deutlich besser und ich werde Material los, viele nicken freundlich. Doch ca. 1 Stunde später kommt der nächste Tiefschlag. Eine Frau und meint: „Von euch nehme ich gar nichts, mein Mann hat wegen Republikflucht gesessen und ihr schafft es nicht mal euch von der Mauer zu distanzieren„. Meine Antwort, das dies nicht stimme und wir uns mehrfach und deutlich erklärt haben beantwortet sie mit einem Kopfschütteln und geht weiter.

Schließlich negiert kurz danach ein Mann meinen Hinweis auf eine kleine Wahlhilfe für die Abgeordnetenhauswahl mit dem Hinweis: „Danke für die Mauer die ihr damals gebaut habt.“

Nein, das ist nicht schön. Es ist nicht schön, sich immer wieder für eine selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte des sog. Realsozialismus einzusetzen und dann trotzdem vorgeworfen zu bekommen, das dies nicht geschehen sei. Weil uns die Distanzierung nicht abgenommen wird und weil wir selbst an der einen oder anderen Stelle selbst immer wieder Zweifel an Distanzierungen und Entschuldigungen säen. Das macht mich traurig aber es lässt mich nicht nachgeben. Wenn wir glaubwürdig für einen demokratischen Sozialismus eintreten wollen, wenn wir glaubwürdig Bürgerrechtspolitik machen wollen, dann können wir nicht aufhören uns mit der Geschichte des sog. Realsozialismus auseinanderzusetzen. Wir müssen -um unserer selbst willen- immer wieder sagen: Entweder der Sozialismus ist demokratisch oder er ist kein Sozialismus. Wer die eigene Bevölkerung einsperrt kann sich nicht sozialistisch nennen. Freiheit und Sozialismus ist die Devise.

Und auch deshalb kann es keine Kooperation geben mit Presseerzeugnissen, die sich für 28 Jahre Mauer bedanken. Aus diesem Grund auch noch ein Hinweis hierauf:   http://www.freiheit-und-sozialismus.de/

19 Gedanken zu „Der lange Schatten der Vergangenheit“

  1. Was Sie hier betreiben, ist nichts weiter, als ein weiterer Versuch, sich bei Springer und Co. anzubiedern.

    Man kann sicher darüber streiten, ob der eine oder andere Artikel in der Jungen Welt gelungen ist oder nicht. Bei den Medien, die von Ihresgleichen, beispielsweise dem die Fassung schnell verlierenden Bockhahn, bedient werden, kann man sich den Streit meist sparen.

    Es spricht mit Verlaub nicht gerade für Ihr intellektuelles Niveau (oder vielleicht doch?), wenn sie zur Begründung für Ihren Versuch, die Junge Welt auf ökonomischen Wege kaltzustellen, auf ein paar Zitate von Passanten zurückgreifen müssen, die nichts anderes als das von sich geben, was sie von ARD, ZDF, Bild & Co. jeden Tag vorgebetet bekommen. Um zu diesen bürgerlichen Medien eine Alternative zu erhalten, befarf es gerade solcher Zeitungen wie der Jungen Welt.

    Schade, dass Sie und Ihre „Genossen“ vom so genannten „Forum Demokratischer Sozialismus“ (fds) das nicht begreifen wollen. Nun, die gesellschaftliche Entwicklung wird über Sie und Ihr fds hingweggehen; auch über die sich „Die Linke“ nennende Partei, wenn Sie dort das Sagen bekommen sollten.

    Am Ende werden Sie und ihre karrieregeilen SED-Parteischulveteranen von Holter bis Bartsch wieder auf der falschen Seite stehen. Selbst bei der FAZ ist man da manchmal auf dem Weg, die Realitität zu erkennen, weiter als Sie und ihre Freunde, die sie noch immer von der Reformfähigkeit des Kapitalismus, des mörderischsten Gesellschaftsmodells, das es bislang gab, schwadronieren.

    http://www.faz.net/artikel/C30351/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-30484461.html

  2. liebe halina,
    als mittlerweile wieder sozialdemokrat wünsche ich dir bei deinem nicht nachgeben aufrichtig viel erfolg. mir hat dazu die kraft gefehlt.
    herzliche grüße aus hannover
    michael hans höntsch

  3. Der ersten Frau hätte ich geantwortet:
    „Also, Ihr Mann tut mir leid. Erst im DDR-Knast, und nun noch lebenslänglich Sie am Hals.“
    😉
    Ach ja: Interessant, dass nicht nur die Schleswig-Holstein-CDU Probleme mit fassungslosen Landesvorsitzenden hat. 😀

  4. Lieber Call, wenn du die Zukunft schon so gut kennst, kannst du dann schnell noch sagen, wie das Wetter nächste Woche wird? Danke!

  5. Lieber Manfred, für Dich und für die liebe Halina wird natürlich die Sonne scheinen, so schön, wie Ihr über den Wolken schwebt, 😉

  6. Den provozierenden Artikel der jw habe ich nicht gelesen, so wie auch viele andere nicht minder provozierende Artikel der bürgerlichen Presse nicht. Manchesmal hilft einfach ein Schulterzucken. Dass einem die vermeintlich eigenen Leute in den Rücken fallen, wird man immer wieder erfahren müssen. Vermeintliche Freunde werden einem ebenso in den Rücken fallen. Das ging z.B. Heide Simonis und Andrea Ypsilanti nicht anders. Davor kann man sich also kaum schützen, außer man wird paranoid und sieht überall Heckenschützen. Das kann man ja nicht wollen.

    Den langen Schatten der Vergangenheit wird die Partei Die Linke nie loswerden, und zwar unabhängig davon, ob noch direkte Angehörige der an der Mauer Getöteten leben, oder nicht. Denn diese Erinnerung und der daraus entstehende Schatten wird an die nächste und übernächste Generation weitergegeben werden. Das haben schon die Millionen von Flüchtlingen aus der DDR seit zwei Generationen im Westen so betrieben. Davon ist der Westen geprägt. Das ist übrigens mit ein Grund, warum die Partei Die Linke im Westen nicht so richtig Fuß faßt. Außerdem ist es für die Bürgerlichen und ihre Parteien ein zu gutes Mittel, die Partei Die Linke immer wieder vorzuführen und zu Rechtfertigungen zu zwingen, damit verschafft man sich psychologische Vorteile im Kampf gegen die Partei. So etwas gibt man nicht aus der Hand. Die Entlegitimierung der DDR wird aus meiner Sicht solange betrieben werden, bis keine Erinnerung an die tatsächlich DDR mehr bestehen und sie in einer Umkehr sogar noch monströser erscheinen wird, als es das Naziregime je war.

    Auch werden die Bürgerlichen die Partei Die Linke nie akzeptieren, selbst wenn sie sich so wandelt wie die SPD und die Grünen. Denn man wird der Partei Die Linke diese Unterwerfung nicht glauben.

    Daraus folgt, dass man damit leben muss, solange man in der Partei Die Linke ist, so wie als Linker überhaupt, ob in der Partei oder nicht.

    Da wir seit nunmehr mehr als dreißig Jahren den Klassenkampf von oben erleben, haben wir wohl mehr damit zu tun, die mittlerweile kümmerlichen Reste des sozialen Rechtsstaates zu verteidigen. Eine sozialistische Demokratie ist da noch lange nicht in Sicht. Angesichts der zunehmenden autoritären Umgestaltung der westlichen Demokratien drohen uns ganz andere Verhältnisse. Darüber könnte man mal sprechen. Mein Wahl- und Leitspruch lautet: Freiheit durch Sozialismus.

  7. Eins haben die eisernen Stalinismusbekämpfer schon erreicht:
    Die regierungstreuen „Linken“ liegen in der Hauptstadt bei 8 % (minus 5,4 gegenüber 2006; minus 14,6 gegenüber 2001).
    Interessanterweise kratzen die Piraten mit einem relativ linken Wahlprogramm schon an der Hürde (4,5 %). Wenn die tatsächlich reinkommen, kann Berlin aufatmen: Rotrot ist Geschichte, die Chance für die Linke auf Erneuerung in Opposition. Für Lederer und Wolf stehen als Notausgang lukrative Auslandsposten der RLS bereit – wir sind ja bekanntlich keine Unmenschen… 😉

  8. Linksman

    Ich glaube nicht, dass es die Schuld der Linken in der Parei die Linke ist, dass Rechte Berliner Zelle mit ihrer wirren Politik eine auf die Nuss bekommt. Eine zweite SPD brauch niemand, nicht mal der Ostberliner. Die Umfragewerte der rechten Berliner Zelle um die shalom Brüder und Schwestern waren ja auch schon vor Berichterstattung der jw miserabel. Woher das wohl kommt? Hallina treibt es mit ihren seltsamen Auffassungen noch soweit, dass die Partei wirklich in 2 Teile zerbricht. Dann hat sie endlich gewonnen. Eventuell springt für domestizierte Linke wie sie dann sogar irgendwo ein SPD Mandat heraus. Ich jedenfalls werde meine ganze Kraft dafür einsetzen, dass Hallina beim nächsten Parteitag von Ihren Ämtern entbunden wird. So eine Vize kann sich keine Partei erlauben.

  9. Halina
    das habe ich nicht so ganz begriffen.
    Die Glaubwürdigkeit der Partei DIE LINKE bei der Aufarbeitung der Geschichte des „sog. Realsozialismus“ wird durch die Kooperation oder Nichtkooperation mit von den Linken unabhängigen Presseerzeugnissen bestimmt?
    Du denkst ernsthaft, wenn diese Partei sich berufen fühlt, den Pressezensor zu spielen, dann wird diese Form der Aufarbeitung als glaubwürdig eingestuft.
    Das ist ja mal das seltsamste Politikverständnis, das mit zu Ohren gekommen ist.

    Aber sei es drum: Wenn Ihr Euch schon als Pressezensor berufen fühlt und da ganz schön an eine Eurer Quellpartei erinnert, dann bitte wenigstens in der SED-Qualität. Da wurde die Zeitung Wort für Wort und Koma für Koma gelesen und dann erst -da habt ihr schon die notwendige Qualität- auf unsägliche Weise kritisiert. Nämlich immer administrativ.
    Diese Ausgabe der Jungen Welt vom 13.8.2011 -die offensichtlich Anlass für diesen Boykott ist, hatte neben dem unsäglichen Versuch eine satirische Titelseite zu machen, noch weitere elf Seiten „Sein auf Stein“ zur Mauer. Darin enthalten -neben anderen Artikeln – die beiden Positionspapiere aus dem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern Deiner Partei.
    Wenn ich mir dann den von Dir empfohlenen Aufruf anschaue, geriert das zu einen schönen Monty-Python-Nummer.

    Gut, da habt Ihr der Jungen Welt mal vorgemacht, wie Realsatire geht.

  10. @micha: inwiefern liegt eine pressezensur vor, wenn lediglich keine anzeigen mehr geschaltet werden sollen und es keine stände auf parteitagen geben soll?… wegen mir sollen sie weiter schreiben, drucken und verteilen… wegen mir sollen das die leute lesen und kaufen… nur einer zeitung die sich links nennt und die ich nicht als links ansehen würde, muss ich nicht noch das siegel „links“ durch meine unterstützung geben

  11. Offensichtlich hast Du weder die Ausgabe der JW vom 13.8.2011, noch Aufruf „KEINE KOOPERATION MIT DER JUNGEN WELT!“ gelesen….“Ein Anfang wäre…“

  12. Typische Herrenvolk-Attitüde.
    Aber laut rumjammern wenn Halinas MdB-Büro mal von einem Entglasungskomitee Besuch erfährt. Beim nächsten derartigen Dumme-Jungen-Streich wird sich mein Mitgefühl in Grenzen halten.
    Generell haben die nassforschen Quexe die derzeit – noch – den Hauptstadt-LV okkupieren, die sich abzeichnende deftige Niederlage verdient.
    Den fälligen Wiederaufbau plus deutlichen Kurswechsel traue ich am ehesten Sahra Wagenknecht und Lucy Redler zu.

  13. @Halina: Die jW würde sich für Dein „Siegel `links`“ vermutlich herzlich bedanken. Schließlich steht die Berliner Linkspartei ja für so linke und fortschrittliche Dinge wie Privatisierung von vormals kommunalen Wohnungen, Ausstieg aus dem sozialen Wohnungsbau, Abschaffung der Lernmittelfreiheit an Berliner Schulen, Ausgliederung und Teilprivatisierung des nichtmedizinischen Bereichs der Charite (CFM), Boykottaufruf zum Wassertisch-Volksentscheid, …

    Könnte es vielleicht sein, daß Deine Dünnhäutigkeit in Bezug auf die jW weniger mit DDR und Mauerbau zu tun hat, sondern vielmehr damit, daß diese Zeitung bei genau diesen Punkten (und nicht nur diesen) in den letzten Jahren immer den Finger in die Wunde gelegt hat und auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Berliner Linkspartei hingewiesen hat.

  14. Worum es wirklich geht, sagt in der heutigen Online-Ausgabe des Sterns Ulrich Maurer:

    „Ich glaube, dass wir in Rostock dafür sorgen müssen, dass die Partei wieder zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückfindet. Wir stecken in einer Weltwirtschaftskrise, die Börsen spielen verrückt, die Menschen sorgen sich um ihre Zukunft. Wer in einer solchen Zeit vornehmlich über den Mauerbau, Kuba, Antisemitismus und Kommunismus diskutiert, der hat einfach nicht begriffen, worin die Existenzberechtigung unserer Partei besteht. Sie muss mit den wirklichen Sorgen der Menschen beschäftigen. Bei all jenen, die derzeit diese anderen Debatten so hitzig betreiben, bei denen habe ich ernste Zweifel an ihrer politischen Zurechnungsfähigkeit.“

    Das darf man über allen kleinlichen Streitigkeiten, Abneigungen und Anfeindungen nicht vergessen. Die Partei Die Linke steht für die Erhaltung der Demokratie.

  15. @halina
    Anstatt diesen „Boykott-Aufruf“ wäre ein Aufruf zur Gründung der „Pirker-Jugend“ das Mittel, das demokratische Sozialisten nutzen würden. Bei Euren Formen der politischen Auseinandersetzung habt Ihr Euch in der Epoche verirrt. Ihr seid 80ziger Jahre (ab und zu sogar 50ziger Jahre).
    Ich finde das übel und es enttäuscht mich. Die Auseinandersetzung in dieser Partei finden ja fast nur auf einem Niveau statt, das demokratischen Sozialisten nicht entspricht. Ganz strömungsübergreifend wohlgemerkt.

  16. Solange man den stramm antikommunistischen Hintergrund unserer gemeinsamen BRD nicht versteht, wird sich auch nicht die Haltung der Menschen erklären, die schon bei dem Wort sozialistisch an die Decke gehen, auch wenn sie damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen verstoßen. Da tut man sich als Sozialist selbst keinen Gefallen, wenn man sich duckt.

    Zu dem langen Schatten der Vergangenheit steht hier etwas http://www.n24.de/news/newsitem_7191826.html.

    „Kapitalismuskritik ist hierzulande en vogue – was in einem so strikt antikommunistischen Land schon putzig ist. Dennoch kann die Linke von dieser Mode nicht profitieren.
    Was zu irgendetwas Sozialistischem nötig wäre, offen auszusprechen, bringt in diesem Land bloß Prügel ein, wo ein Geburtstagsschreiben an einen alten Mann, der einen grausamen, korrupten, von der sogenannten Freien Welt gestützten Diktator aus dem Land gejagt hat und dem zwar vieles nicht gelungen ist und der vieles furchtbar falsch gemacht hat, der aber aus einer versklavten Drittweltinsel eine ohne Analphabeten und Obdachlose hat werden lassen, zu öffentlichem Geschrei führt, als wären die so genüsslich im Mund gerollten “Menschenrechte” nicht zehnmal vergessen, wenn man mit Iran oder China Geschäfte machen kann. Was der Westen Castro nicht verzeiht, sind nicht seine politischen Gefangenen, sondern dass Castro sich bis zuletzt geweigert hat, in Kuba Sweatshops und Autohäuser einzurichten.“

    Das heißt natürlich nicht, dass man jede Unbedachtheit oder Dummheit einiger Linker gutheißen soll. Das ist aber eher Ansporn, den einen oder anderen mal zu fragen, ob er weiß, in welchem Land wir leben. Man muss nicht weniger Sozialist werden sondern mehr. Aber auch sehr viel klüger und schlauer als bisher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.