Eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde

Helmut Schmidt wird nachgesagt, er hätte den Satz geprägt, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Ich mag gar kein Urteil abgeben, ob das zu jener Zeit angemessen war oder nicht. Ich mag aber für mich feststellen, dass mir genau das heute fehlt. Eine Partei, die eine Vision einer friedlichen, demokratischen und sozial gerechten Gesellschaft entwickelt. Einer Gesellschaft, die Digitalisierung und Globalisierung gestaltet.

Vielleicht ist es an der Zeit mal wieder über Visionen zu reden. Eine Vision, in der sich jung und alt, Bewohner*innen in der Stadt und auf dem Land, egal welchen Geschlechts und egal welcher Herkunft mitgenommen fühlen. Deren Einzelheiten sie mitgestalten können. Eine Vision ist ja immer etwas Abstraktes, Grobes. Die Einzelheiten müssen im gemeinsamen Ausprobieren entwickelt werden.

Ein Idee einer friedlichen, demokratischen und sozial gerechten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts bietet mir heute keine Partei. Wenn überhaupt, stellen Parteien heute Fragen oder beantworten einzelne Fragen. Aber schon die Frage, ob Idee A überhaupt noch mit Idee B in Übereinstimmung zu bringen ist, bleibt häufig ungestellt. Die Konzepte des vergangenen Jahrhunderts werden häufig so behandelt, als unterliegen sie der Ewigkeitsgarantie des Grundgesetzes.

Warum nicht sich selbst fragen, wie sieht eine Gesellschaft aus, in der mann/frau gerne leben würde. Was wäre also eine Gesellschaft, in der es mir Spaß machen würde zu leben?

Alle Menschen sind gleich und haben die gleichen demokratischen Rechte

In meiner Vision einer friedlichen, demokratischen und sozial gerechten Gesellschaft sind alle Menschen gleichwertig. Es macht keinen Unterschied, wo sie herkommen und wie sie leben – es gibt gleiche demokratische Rechte für Alle. Jede*r, der/die in einem Gebiet X lebt, kann dort wählen und gewählt werden.  Bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland würden in diesem Zusammenhang die sog. Deutschengrundrechte in Jedermannsgrundrechte überführt. Strukturelle Benachteiligung wird angegangen, weswegen Art. 3 Abs. 2 S. 2 GG konsequent auf allen Ebenen umgesetzt wird.

Nationalstaaten befinden sich in Auflösung, demokratische Regeln für Gesetzgebung werden gerade ausgehandelt 

Die Erkenntnis, Globalisierung und Digitalisierung lassen sich nicht nationalstaatlich regeln, setzt sich mehr und mehr durch. Deshalb nimmt der Trend zu, sich von den klassischen Nationalstaaten zu lösen. Doch je größer das darüberhinaus entstehende Gebilde, desto schwieriger der Prozess einer demokratischen Willensbildung. Dieses Problem erkennend hat sich eine Parlamentarierkonferenz der Vereinten Nationen (PK-VN) gebildet, die unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher, außerparlamentarischer Strukturen nach einer Lösung für demokratische Rechtsetzung jenseits von Nationalstaaten sucht. Dabei spielt der sog. Subsidiaritätsgrundsatz eine entscheidende Rolle. Nur wenn die kleinere gesellschaftliche Einheit nicht in der Lage ist etwas selbst zu regeln, kommt die nächsthöhere gesellschaftliche Einheit zum Zug. Die Menschen haben damit kein Problem, denn sie verstehen sich nicht zuerst als Ossi, Wessi, Deutsche*r oder Europäer*in, sie verstehen sich zuallererst als Mensch.

Niemand lebt in materieller Armut

Der tatsächlich menschenverachtende Spruch, wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, gehört der Vergangenheit an. Jede*r hat qua eigener Existenz einen Anspruch auf ein emanzipatorisches bedingungsloses Grundeinkommen. Gekoppelt an das Volkseinkommen und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns bekommt es jede*r. Das Grundeinkommen ist mit anderen Einkommen kumulierbar. Hinzu kommt ggf. ein individualisiertes Wohngeld und ein Mehrbedarf für bestimmte Lebenslagen.

Ein Leben ohne materielle Armut im globalen Maßstab betrachtet setzt zwingend andere Handels- und Wirtschaftspolitik voraus. Die Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden ist nicht nicht länger akzeptabel. Deshalb setzen sich alle Länder zusammen und entwickeln eine Idee, wie es tatsächlich zu gerechten Welthandelsbeziehungen kommen kann. Mit am Tisch sitzen auch die vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich seit Jahren zu diesem Thema engagieren.

Alle Menschen haben Zugang zu schnellem Internet 

Ohne schnellen Internetanschluss passiert gar nichts mehr. Natürlich kann jede*r freiwillig darauf verzichten. Aber wer dies möchte, soll einen Zugang zum schnellen Internet haben. Ob auf dem Dorf oder in der Stadt. Weil die großen Telekommunikationsunternehmen das nicht gewährleisten konnten (also sie wollten nicht, auf dem Dorf lässt sich halt zu wenig Profit machen), haben sich Einwohner*innen in Genossenschaften zusammengeschlossen und die Sache selbst in die Hand genommen. Ihr Vorteil war, dass der Zugang zum schnellen Internet als Universaldienstverpflichtung in die entsprechenden Gesetze aufgenommen wurde. Die Angst vor dem Internet verschwindet, das Gefühl, diese Modernisierung bietet auch enorme Chancen (statt immer nur die Risiken zu betonen) wächst. Die Lust und die Bereitschaft die Digitalisierung der Gesellschaft mitzugestalten, nimmt in dem Umfang zu, wie sich die (digitalen) Möglichkeiten zur Gestaltung erhöhen.

Familie ist da, wo Menschen füreinander da sind 

Jede*r soll leben und lieben, wen er/sie will. Wer füreinander Verantwortung trägt, definiert sich als Familie. Bestehende Regelungen, die allein auf eine gesellschaftliche vorgegebene Art von Familie abstellen, werden erweitert. Das betrifft zum Beispiel auch das Erbrecht. Nicht mehr die Blutsbande ist entscheidend, sondern der Wille der Menschen, dass X oder Y beim eigenen Tod etwas erben soll.

Die öffentliche Daseinsvorsorge ist gewährleistet

Öffentliche Daseinsvorsorge, also die für das Leben grundsätzlich notwendigen Dinge, werden jenseits des Marktes und von Profitstreben gewährleistet. Die medizinische Versorgung gehört beispielsweise dazu oder die Versorgung mit angemessenem Wohnraum. Der Zugang zu Wasser ebenso wie Mobilität. Die Liste wäre noch länger. Aber als neueste Idee kommt hinzu, dass jede*r, der/die mit Behörden Stress hat und/oder mit dem/der Arbeitgeber*in oder dem/der Vermieter*in, rechtlichen Beistand erhält.

Umverteilung oder die Sache mit den starken Schultern 

Natürlich muss Geld vorhanden sein um die Vision der friedlichen, demokratischen und sozial gerechten Gesellschaft zu erfüllen. Aber dafür gibt es ja das schöne Bild der schwachen und der starken Schultern. Wer mehr hat, muss mehr geben. Damit am Ende alle etwas davon haben. Und Geld ist genug da. Es muss nur gerecht verteilt werden. Tatsächlich gibt es auch eine Obergrenze – für Vermögen. Wo die genau liegen soll, auch das wird in der PK-VN debattiert.

Konflikte werden nach strengen Regeln aufgelöst 

Konflikte treten überall auf. Am besten sie werden friedlich zwischen den Beteiligten gelöst. Wo dies nicht möglich ist, soll nach streng formalisierten Regeln von einem Dritten der Konflikt entschieden werden. Soweit die sexuelle Selbstbestimmung, Leib und Leben betroffen sind, kann es auch einen gesellschaftlichen Strafanspruch geben (in den anderen Fällen gibt es einen Ausgleichsanspruch), der allerdings voraussetzt, das System Gefängnis zu hinterfragen. Oberstes Ziel des Strafanspruchs ist nicht das Entfernen Betroffener aus der Gesellschaft sondern die Reintegration derselben in eben jene.

Krieg als Mittel der Politik ist ausgeschlossen. Weder werden Kampfroboter produziert noch Atomwaffen und weiteres Kriegsspielzeug. Im Gegenteil, es entwickelt sich eine regelrechte Waffenvernichtungsindustrie.

Ökologische Nachhaltigkeit ist eine Selbstverständlichkeit 

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Deswegen helfen auch erhobene Zeigefinger nichts. Aber es hilft die Konfrontation mit den Folgen des eigenen Handelns. Dies führt dazu, dass jede*r auf seinen/ihren eigenen ökologischen Fußabdruck achtet.

Erwerbsarbeitszentrierung ist out

Die Ausrichtung des gesamten Lebens und der gesamten Struktur von Sozialleistungen an der Erwerbsarbeit ist out. Jede*r macht das, was seinen/ihren Fähigkeit und Bedürfnissen entspricht. Das kann sich im Laufe eines Lebens vielfach ändern. Es gibt eine Unmenge von gesellschaftlich nützlicher Arbeit, die erledigt wird und an der Menschen auch noch Spaß haben. Denn sie schuften nicht um die Kohle nach Hause zu  bringen, sondern weil es ihnen Spaß macht und sie einen Sinn (auch für sich) in dem sehen, was sie tun.

Angefangen hat alles damit, dass sich Beschäftigte Zeitsouveränität erkämpften. Sie setzten durch, dass es ihnen oblag zu entscheiden, wie lange sie wann arbeiten wollten (okay, eine gesetzliche Wochenhöchstarbeitszeit gab es noch).

Wissen ist allen zugänglich 

Es gibt keine Möglichkeit für eine Elite andere von Wissen auszuschließen. Mindestens das, was mit öffentlichen Geldern finanziert wurde, ist auch der Öffentlichkeit zugänglich. Transparenz gibt es aber auch in anderen Bereichen, so zum Beispiel in der Frage, welche Daten von wem wie erhoben und an wen weitergegeben werden. Es gibt bei der Unabhängigen Algorithmen-Aufsichtsbehörde eine Antidiskriminierungsstelle, die Beschwerden bearbeitet, wenn aufgrund gesammelter Daten eine nicht hinnehmbare Diskriminierung stattfindet.

Wahrscheinlich habe ich noch jede Menge vergessen. (Die Vorfahrt für das Fahrrad im Straßenverkehr zum Beispiel). Aber vielleicht wäre es ja eine Idee, dass viele Menschen aufschreiben, was ihre Idee von einer Gesellschaft wäre, in der sie gern leben würden. Ganz individuell. Aus vielen individuellen Vorstellungen könnte ja dann eine Idee einer friedlichen, demokratischen und sozial gerechten Gesellschaft im 21. Jahrhundert entstehen. Eine Vision halt.

11 Gedanken zu „Eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde“

  1. Hach, schon eine schöne Vision, aber ich frage mich, warum es uns so schwer fällt noch den letzten Schritt zu gehen, und eine Welt ohne Geld zu denken. Ich weiß, dass das schwer ist, weil ich auch immer wieder an Grenzen stoße, aber ich glaube doch, dass eine Welt ohne Geld noch gerechter und friedlicher ist, als eine Welt in der Geld immer noch einen Gewissen Status repräsentiert.

  2. Je mehr ich von Ihnen lese, desto sympathischer werden Sie mir. Viele meiner eigenen Gedanken erhalte ich durch Ihre Texte bestätigt, neue Aspekte kommen dazu. Manches überdenke ich, weil Sie neue Perspektiven aufzeigen. Ich denke, Sie haben diesen grundsozialen Geist in sich, der jeden Menschen in seiner gesamten Individualität in Ihre Überlegungungen einschließt und ich freue mich darüber. Ich weiß, dass es unendlich schwierig ist, sich mit dieser Meinung gegen die Menschen durchzusetzen, deren Denken von kurzfristigem Handeln und persönlichem Erfolg bestimmt ist. Ich wünsche mir, dass es Ihnen gelingt, möglichst viele Menschen zu erreichen … ich wünsche es mir für die Menschheit … es MUSS einfach Menschen geben, welche die Bürde der Aufklärung auf sich nehmen. Machen Sie weiter, lassen Sie sich die politische Arbeit nicht vermiesen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

  3. Wo gibt es diese Partei – ich wäre sofort dabei. Da spricht mir vieles aus der Seele. Vollzeiterwerbstätigkeit als gesellschaftliches Ziel, kann dann doch bitte nicht die Vision für das 21. Jh. sein. Ich rede jetzt nicht von Arbeit überhaupt, da gibt es wohl sehr viel zu tun für die Gesellschaft und das Gemeinwohl.
    Klar kann man nicht alles von heute auf morgen umsetzen, aber es geht um ein Ziel wo man hin will und so eine Richtung vermisse ich in der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft.
    In den nächsten 20 Jahren werden werden sicherlich 20-40% aller Berufe wegfallen weil diese von Automaten und Robotern übernommen werden – ich finde da nichts schlimmes daran, nur sollte man da gesamtgesellschaftlich damit umgehen. Wenn schon die DAX-Vorstände nach BGE rufen, weil sie Angst davor haben, das Ihnen der Binnenmarkt wegbricht und kaum noch Konsum stattfindet weil die Menschen Ihre Erwerbsarbeit verlieren …. dass sollte einen doch zu denken geben.

  4. Es ist schön endlich mal wieder von einer Vision zu hören. Auch wenn man weiß, dass es schwer ist alles umzusetzen, so hat man doch ein Ziel, dass nicht jedem Zeitgeist geopfert werden muss.
    Jeder kann selber entscheiden, ob er mitmacht, alleine im Privatem, in einer Partei oder einer anderen gesellschaftlichen Gruppe.

  5. Hm: Helmut Schmidt würde Dich zum Arzt schicken 😉 Du skizzierst eine schöne Vision des Miteinander Lebens. Mein erster Reflex: „das liest sich sehr schön, aber“. Der Zweite: die ParlamentarierInnenkonferenz anklicken. Der Dritte: Ärger. Denn die Ideale und Grundsatzpositionen meiner Partei (die kennst Du ja) zu Ende gedacht, komme ich zu genau dieser Vision. (Also nicht Ärger über die nicht existente Konferenz, sondern darüber, dass Du als Mitglied der LINKEN so tust, als gäbe es sie nicht.) Fragen habe ich auch: was ist „Volkseinkommen“, wieso sollen Fahrräder Vorfahrt haben? Welchen Ausgleich bekommen jene, die sich ihren Zugang zum Internet selbst mühsam organisieren müssen, weil sich das für die Vodakom nicht rentiert? Warum versuchen wir nicht mal diese PK? Mit anderen Menschen, die auch Visionen haben? (Wir können es ja „Kur“ nennen – dann hätte auch Schmidt seine Bestätigung :0)

  6. danke für den kommentar. die differenz, die wir haben ist, das meine und deine partei eben gerade nicht diese vision hat. im nationalstaatlichen denken verharrend, die herausfordeungen der digitalisierung nicht annehmend verliert sie -für mich- zunehmend an anziehungskraft. wenn leidenschaft für politik und brennen für themen durch routiniert einen job abarbeiten ersetzt wird (nicht bei allen!), fehlen auch die visionen.
    auf die fragen kann ich nicht antworten (als außer das mit dem volkseinkommen, das steht bei der bag grundeinkommen), weil ich die antworten nicht habe. lass sie uns doch gemeinsam entwickeln…

  7. Ja, da sind auch viele meiner eigenen Gedanken dabei. Was mir zu wenig ist, ist die Aussage zur Nachhaltigkeit. Die Frage zur Erhaltung unserer Welt (es geht nicht nur um die sog. „Umwelt“) ist doch die zentrale. Denn wenn es nicht gelingt, das ökologische Sytem wenigstens zu stabilisieren, können wir die schöne Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen vergessen. Die Ausgaben für Umweltreparaturen und die Produktion des Nötigsten werden alles auffressen. Das Bewusstsein dafür fehlt mir bei allen Parteien.

  8. Salve, werte Halina!
    Die Forderungen, die Du auflistest, halte ich für unabdingbar notwendig, allerdings würde ich angesichts einer möglichen Projektierung in 2026 noch weiter gehen und das Problem globaler angehen, z.B. mit 1 (einer!) Weltregierung, die ggf. mit kurzen Amtsperioden fluktuierend wechselt, so dass sich niemandes etwaige „Alleinherschungsmerkmale“ etablieren…

    Nach der digitalen Globalisierung sollte m.E. das reale „Aneinanderrücken“ folgen, könnte sogar durch´s Web initiiert werden.

    Zum Thema „Geld“/Kapital habe ich eine sehr abstrakte Vision:

    Stufenweise Abschaffung

    Denn nur ohne den schnöden Mammon des Kapitalismus würden wirkliche Wünsche wie Wunder wahr werden, wenn wir wahrhafte Visionen via wundervoller Welt viralisieren.

    Das Problem (oder die Chance) ist der weltweite Aspekt…

    Nun ja… abstruse Ideen von mir…
    Greetz
    Sabine Puttins

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.