Pampa-Gedanken

In Brandenburg ist es entspannt. Zumindest wenn es um den Konsum von digitalen News angeht. Für die wichtigsten Nachrichten (Alles Gute im Neuen Jahr) und wichtigsten Aufgaben (Klar, bestätige ich Ihnen die Anmeldung) muss Frau vor die Tür gehen. Denn nur vor der Tür ist Empfang. Da es kalt ist, ist das Bedürfnis vor die Tür zu gehen gering.

Also Abgeschiedenheit. Zeit zum Lesen, Zeit für Diskussionen, Zeit für Spiele und Zeit zum Nachdenken. Vor allem Zeit zum Nachdenken.

Da wäre die Frage, warum -zumindest Nordbrandenburg- so heruntergekommen ist.  Selbst in halbwegs belebten Gegenden wie Rheinsberg gibt es verfallene Häuser, die anscheinend keine Käufer*innen finden. Die Fahrt durch die Dörfer ist einfach trostlos. Es gibt nichts. Während die Städte (und dort die Mieten) aus allen Nähten platzen, verfallen die Dörfer und stehen Häuser leer. Warum gibt es keinen Masterplan, keine Fördermittel und keine Idee, wie Stadtflucht 4.0 organisiert und der ländliche Raum infrastrukturell wieder angeschlossen werden kann? Eine vernünftige Verkehrsanbindung mit dem ÖPNV, schnelles Internet, ein Tante Emma Laden oder Konsum, in jedem zweiten Dorf eine Kneipe, ein Bankautomat und angemessene medizinische Versorgung. (Für das mit dem schnellen Internet bedarf es dann für Leute, die Ruhe schätzen und nicht ständig digitale News konsumieren wollen, ein wenig Selbstdisziplin), das wäre doch ein Anfang. Vermutlich gibt es genügend Menschen, die unter diesen Bedingungen ein Leben auf dem Land dem Leben in der Stadt vorziehen würden. Klar trägt sich das alles nicht selbst, aber wenn der ländliche Raum erhalten bleiben soll, dann muss es eben mit Zuschuss gehen. Im Übrigen auch, damit sich in Dörfern wieder Gemeinschaft und Zivilgesellschaft entwickeln kann. Die Wiederbelebung der ländlichen Räume ist am Ende auch eine Frage der Demokratie. Da wo Dörfer aussterben, wo Gemeinschaft und Zivilgesellschaft fehlen, da macht sich autoritäres Denken, die Sehnsucht nach dem/der Führer*in und das Herabsehen auf andere breit – da entwickelt sich antidemokratische Haltung.

Und da wäre die Frage, wieso es linken Politikansätzen und der Partei DIE LINKE. nicht gelingt auch nur ansatzweise gesellschaftlich wahrnehmbar zu sein. Alles was passiert sind Abwehrkämpfe. Es gibt keine Idee, keine Vorstellung wie eine solidarische, demokratische und friedliche Gesellschaft aussehen könnte. Wenn ich aber nicht mal eine Idee davon habe, wie eine bessere Gesellschaft aussieht, dann gibt es auch keine Idee davon, wie ich zu dieser Gesellschaft komme und dann gibt es immer nur eine mehr oder weniger plumpe Ablehnung von allem, was so vorgeschlagen wird. Natürlich könnte jetzt jede*r kommen und auf das Konzept X, das Konzept Y und das Konzept Z verweisen. Die mögen in sich selbst schlüssig sein, aber ein Gesamtkonzept (schon gar ein finanzierbares Gesamtkonzept) gibt es nicht. Vielleicht ist es ja an der Zeit, einfach mal jenseits des Sachzwangs konkreter politischer Anforderungen -von Wahlprogramm bis Reaktion auf Gesetzesentwürfe- über eine Idee einer solidarischen, demokratischen und friedlichen Gesellschaft nachzudenken. Vor einigen Jahren gab es mit dem Projekt 2026 schon mal einen Ansatz ein wenig in die Zukunft zu schauen. Möglicherweise sollte auf anderen Plattformen oder Wegen ein weiterer Versuch unternommen werden, zunächst ohne konkrete Untersetzung eine Idee von einer Gesellschaft, in der man gut und gern leben möchte, zu entwerfen. Ich jedenfalls wünsche mir einen linken Politikansatz und eine Partei DIE LINKE. die sich genau darüber Gedanken macht. Und ja, da kommt dann niemand um essentielle Fragen herum: Wie soll Migration (die gibt es und wird es immer geben) solidarisch geregelt werden? Wie kann (Erwerbs)Arbeit gerecht verteilt werden (auch zwischen den Geschlechtern), wenn Digitalisierung die Erwerbsarbeit grundlegend verändert und mit ihr die Finanzierung von Solidarsystemen? Wie ist das Verhältnis von individueller Entfaltung und Verantwortung für das Gemeinwesen? Wie ist Demokratie lebbar und wie soll mit Feinden der Demokratie umgegangen werden?

Die Frage der gesellschaflichen Einflussnahme linker emanzipatorischer Konzepte hat meines Erachtens aber auch noch zwei weitere Probleme. Auf der einen Seite gilt es unter Linken als besonders schick radikal in der Phrase zu sein. Manchmal ist es nur so, dass die radikale Phrase nicht die radikale Lösung ist, die Sachen wirklich auf den Grund geht. Manchmal entpuppt sich die radikale Phrase einfach als der berühmte Tiger, der dann als Bettvorleger landet. Auf der anderen Seite steht linken Politikkonzepten und ihrer Einflussnahme auf den öffentlichen Diskurs auch etwas entgegen, was eigentlich sehr sympathisch ist. Nämlich Antiautoritarismus. Es funktioniert halt nicht wie in autoritären und häufig rechten Zusammenhängen, dass eine Trollarmee losmarschiert und auf sozialen Netzwerken einen Informationskrieg anzettelt. Bei diesen unsympathischen Menschen habe ich häufig den Eindruck, sie sitzen vor ihren Rechnern und warten nur darauf, dass jemand das Signal (und die dazugehörigen Informationen) gibt und dann wird losgelegt. Das scheint mir bei emanzipatorischen Linken nicht möglich zu sein und vielleicht ist das auch gut so.

Als letztes will ich noch kurz auf den innerlinken Streit der „Ansprache“ eingehen. Während die einen den anderen vorwerfen, sich nur um kosmopolitisch ausgerichtete Menschen der Mittelschicht zu kümmern und den Zugang zu prekarisierten Menschen (dem Arbeiter!) verloren zu haben, weisen diese das zurück – ohne dies allerdings näher zu untersetzen. Mein Eindruck ist, dass es eine bestimmte Vorstellung von links gibt, die sich selbst marginalisiert. Die einen sehen ihren bevorzugten Ansprechpartner in den prekarisierten Menschen und übersehen dabei, dass dies gerade nicht nur die Arbeiter sind, sondern Prekarisierung viel weiter greift. Global betrachtet sind  Geflüchtete die am meisten prekarisierten Menschen. Im Verhältnis zum Arbeiter sind die Hartz IV-Empfangenden oder von Grundsicherung im Alter lebenden Menschen prekarisierter. Und diesen gegenüber die Obdachlosen. Aber prekär ist eben auch die Ehefrau, die sich von ihrem Ehemann nicht trennen kann, weil sie finanziell von ihm abhängig ist. Prekär ist der/die Alleinerziehende, der/die gerade so über die Runde kommt.  Aber davon ganz abgesehen: Diejenigen, die anderen vorwerfen den Zugang zu Prekarisierten verloren und diese als Ansprechpartner für Politik aufgegeben zu haben, erklären nicht, wo ihr konkretes Angebot jenseits von Parolen ist. Oder konkret gefragt, welche sich als links verstehenden Abgeordneten bieten eine kostenlose Rechts- und Sozialberatung an oder wenigstens einmal im Monat ein Frühstück/Mittag und kommen so mit Betroffenen in Gespräche? Schließlich erklären diejenigen, die auf die Ansprache und Vertretung von Prekarisierten setzen, nicht, weshalb es unmöglich sein soll, die Ansprache von Prekarisierten mit der Ansprache kosmopolitischer ausgerichteter Menschen zu verbinden. Auf der anderen Seite gehört es sicherlich aber auch zur Wahrheit, dass es innerhalb der kosmopolitsch ausgerichteten Linken Berührungsängste mit allem gibt, was nicht in das Raster passt. Ich, die ich mich eher als kosmopolitisch ausgerichtet ansehe, kenne das ja von mir selbst. Ich will nicht mit dem Chauvie reden, wenn es um Frauenrechte geht. Ich will nicht mit dem Autoritären reden, wenn es um Kritik an autoritärem und demokratiefeindlichem Denken geht. Ich will nicht mit Leuten reden, die finden, Geflüchtete und Migranten gehören nicht nach Deutschland. Und ich will nicht mit denjenigen reden, die finden, die EU und Europa sind nur böse neoliberal und schlimm. Vielleicht ist es aber notwendig, viel mehr und viel intensiver mit all diesen Leuten zu reden. Um gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen, um die eigene Argumentationsweise zu schärfen und vielleicht so die Welt ein klein wenig zum Besseren zu wenden. Weil mann/frau vielleicht ja doch die besseren Argumente hat.

3 Gedanken zu „Pampa-Gedanken

  1. Was an der EU ist gut? Sie lässt gerade zu hunderten die Menschen im Mittelmeer ersaufen. Schickt Millionen Steuergelder zu Erdogan und nach Lybien. Die linken Eu-Befürworter sollten mal ganz konkret ihre Punkte benennen, warum die EU Sinn macht- so, wie sie aktuell verfasst ist.

  2. sie unterliegen dem fehler, die eu für etwas verantwortlich zu machen, was die politik der mitgliedsstaaten ist.

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