Verbrannte Erde

So lautet der Titel des Buches von Jörg  Baberowski, zu dem sich hier bereits einige Rezensionen befinden. Ich hatte schon das „Vorgängerbuch“ gelesen und hier darüber berichtet.

Nun schreibt Baberowski selbst, dass er mit  „Verbrannte Erde“ Thesen und Aussagen von „Der rote Terror“ revidiert. Das mag an verschiedenen Stellen tatsächlich so sein. Das Buch selbst liest sich tatsächlich wie eine „Kleine Geschichte der Sowjetunion bis 1953“ mit dem Schwerpunkt „Die Bauernschaft“. Zumindest für mich hatte es den Eindruck, dass Baberowski die Bauernfrage in den Mittelpunkt seines Buches stellt.  Deutlich wird im Buch die unglaubliche Brutalität des Stalinschen Terrors, jenseits aller menschlichen Regungen. Erinnert wird auch an den Antisemitismus unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg in der Sowjetunion.  Soweit Montefiores Stalin-Biografie „Am Hofe des Roten Zaren“ (hier habe ich kurz über meine Einschätzung des Buches geschrieben) schon gelesen wurde, gibt es an vielen Stellen einen Wiedererkennungswert.

An einer Stelle bleibt Baberowski sich erfreulicherweise treu.  Er schreibt:  „.. der stalinistische Terror wurde zwar im Namen kommunistischer Ideen und Vorstellungen begründet, aber nicht motiviert.“ und merkt an:  „.. aber nicht alle kommunistischen Regime waren terroristisch.“  Eine seiner Definitionen von Stalinismus lautet:  „Die Suche nach Feinden, die Erzwingung von blindem Gehorsam, die Mobilisierung von Zustimmung und Ressentiments und die Verbreitung von Furcht und Schrecken: das alles wurde zu einem Teil jener politischen Kultur, die stalinistisch genannt werden kann.“ Nach Baberowski war Stalinismus „eine Form des internen Kolonialismus, eine Despotie, die die Versklavung und Ausbeutung der Untertanen in den Dienst höherer Ziele stellte.“

Ob tatsächlich vom Ende des Stalinismus mit dem Ende der Despotie -so Baberowski- geredet werden kann, scheint mir persönlich angesichts der Tatasache, dass auch nach Stalins Tod noch Ermordungen stattgefunden haben zu einfach. Die Aussage: „In Wahrheit gab es zum großen Schweigen und zur totalen Absolution keine Alternative, weil das Sprechen über das Erlebte Täter wie Opfer um den Verstand gebracht hätte.“ ist sicherlich sehr zugespitzt aber mindestens eine Überlegung wert.

Nicht nur Baberowskis Buch macht erneut deutlich, das Stalin und Stalinismus nichts mit links zu tun hat. Gar nichts. Aber das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Wenn ich allerdings immer Wert darauf lege, dass links auch nichts mit dem „Stalinismus als System“ zu tun hat, dann geht es darum das es eben nicht nur um die Zeit Stalins Herrschaft geht. Das sog. Fraktionsverbot in der Kommunistischen Partei gab es vor Stalin und die Abwesenheit rechtsstaatlicher Standards (Unabhängigkeit der Justiz, Möglichkeit der Ablösung einer Regierung, Recht auf Bildung und Ausübung einer -auch parlamentarischen- Opposition, Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsmäßige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, freie Wahlen) war ein Wesensmerkmal in allen sog. sozialistischen Staaten. Deswegen muss es heute für Linke aus meiner Sicht immer um die Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit gehen.

Der Vorteil von Reisen

… ist, dass die langen Wartezeiten, z.B. auf Flughäfen zum Lesen genutzt werden können. So habe auch ich einen Teil meines Wochenendes verbracht und will Jörg Baberowskis „Der Rote Terror“ empfehlen.

Buch zum Stalinismus

Ohne dem Versuch zu unterliegen, alles psychologisch zu sehen, Faktenreich (auch wenn ab und zu wünschenswerte Verweise fehlen) und weit weg davon Marxismus mit Stalinismus gleich zu setzen erzählt er die sehr lehrreiche und immer wieder erschütternde Geschichte des Stalinismus.

Baberowski schreibt: „Ohne den Anstoß des europäischen Marxismus wären die utopischen Konzepte des Bolschewiki nicht denkbar gewesen. Nur brachte sich die Gewalt, mit der das bolschewistische Projekt in die Wirklichkeit trat, nicht aus den Texten der marxistischen Klassiker hervor.“ 

Für einen Aufschrei sorgen sicherlich auch Thesen wie nachfolgende, die deutlich machen, dass der Autor weit weg ist von einer Gleichsetzung des Faschismus mit dem Stalinismus: „So kam es, dass die Nationalsozialisten an der stalinistischen Objektivierung des Feindes mitarbeiteten. … Der Stalinismus überlebte. Er überlebte, weil der nationalsozialistische Terror den stalinistischen in den Schatten stellte, weil er sich der Bevölkerung am Ende als das kleinere Übel präsentierte […].“

Das Buch bietet viele spannende Definitionen, was Stalinismus alles ist und geht von der These aus, dass mit Stalins Tod 1953 der Stalinismus sein Ende fand. Der Autor meint zwar, dass auch danach keine Demokratie herrschte, aber es war eben auch kein Stalinismus mehr.

Spanndend ist die These von Barberowski am Ende: Ohne Stalin hätte es keinen Stalinismus gegeben.