Es gäbe viel zu diskutieren. Es muss nur gewollt sein.

Eigentlich ist es ja ein Allgemeinplatz. Die Digitalisierung verändert alles. Es ist Aufgabe von Politik, nein nicht die Aufgabe von Netzpolitischen Sprecher/innen, diese Veränderung zu begleiten und Vorschläge zu entwickeln, wie mit ihr umgegangen werden soll.

Dieser Allgemeinplatz wird immer konkreter. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang dieser Artikel unter der Überschrift „Roboter müssen unsere Rente sichern“, Untertitel: „Automatisierungsdividende für alle“ von Frank Rieger.  Nicht zum ersten Mal beschäftigt er sich mit den Veränderungen, insbesondere im Hinblick auf die Erwerbsarbeitswelt durch Digitalisierung. Gemeinsam mit Constanze Kurz hat er bereits im Jahr 2013 das Buch „Arbeitsfrei – Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen“  geschrieben. Auch sehr empfehlenswert.

In dem Artikel macht Rieger die Verteilungsfrage auf. Oder die Frage, wie das Gemeinwesen zukünftig finanziert werden soll. Er schlägt vor, dass Roboter und Algorithmen unseren Platz als Steuerzahler/innen einnehmen sollen. Klingt komisch? Nur auf den ersten Blick. Richtig ist, wenn Rieger vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen schreibt: „Die etablierte ökonomische, politische und soziale Struktur wurde inkompatibel mit dem Stand der Technologie. Die dadurch erzwungenen Anpassungen sind in der Regel schmerzhaft, brutal und ungerecht. Jeder Traktor, jeder Mähdrescher, jede Melkmaschine machten Landarbeiter arbeitslos. Jeder automatische Webstuhl stürzte etliche Familien in die Armut. Den meisten blieb nur die Abwanderung in die Städte, um sich dort in der Industrie zu verdingen – oft genug als niedrig entlohnte Handlanger.“ 

Leben wir nicht in einer ähnlichen Zeit? Werden nicht auch derzeitige ökonomische, politische und soziale Strukturen -ich würde noch hinzufügen auch rechtliche Strukturen- inkompatibel mit dem Stand der Technologie? Und was folgt daraus? Rieger beantwortet die Frage wie folgt: „Maschinen können menschliche Denkleistungen und Verhaltensweisen so intensiv studieren, dass sie sie emulieren und optimieren können. Sie werden besser als die ursprünglichen menschlichen Datenzulieferer. Die sozialen Folgen sind leicht zu prognostizieren: Es sind nicht länger nur die Fließbandarbeiter, deren Job durch einen Roboter ersetzt werden kann. Es sind auch Buchhalter, Anwälte, Personalentwickler, Marketingmitarbeiter, sogar Journalisten und Wissensvermittler, also Lehrer und Professoren, die sich Sorgen um ihr berufliches Arbeitsfeld machen müssen.“

Und was folgt daraus? „Es ist an der Zeit, dass wir uns über unser Verhältnis zu unseren Maschinen und ihrer Produktivität neu verständigen. Es sind `unsere Maschinen`, nicht `die Maschinen`. (…) Sie werden konstruiert, gebaut und eingesetzt von Menschen, die damit Absichten und Ziele verfolgen – dem Zeitgeist folgend, meist die Maximierung von Profit und Machtpositionen. Mag die Komplexität der Maschinen unsere Auffassungsgabe manchmal übersteigen, sie bleiben immer noch unsere Geschöpfe„. Eine ähnliche Herausforderung wurde bereits im Digital Manifest, über das ich hier schrieb, formuliert. Am Ende ist es die Frage, ob es darum geht den Prozess der Digitalisierung aufzuhalten oder zu gestalten. Ich plädiere ausdrücklich für gestalten.

Da wäre der Bereich der Solidarsysteme. „Die drängende Frage am Horizont ist, wie Wirtschaft und Gesellschaft weiter funktionieren sollen, wenn immer weniger Menschen noch eine dauerhafte Arbeit haben, die gut genug entlohnt wird, dass davon Steuern, Sozialversicherungs-, Renten- und Krankenkassenbeiträge gezahlt werden können. Der Trend ist schon jetzt eindeutig: Fast drei Viertel der in Deutschland neugeschaffenen Stellen sind Zeit-Arbeitsverhältnisse – oft mit relativ geringen Einkommen. Natürlich sind Forderungen nach Mindestlohn und Mindesthonorar richtig. Und natürlich kann man sich gegen Zeit-Arbeitsverhältnisse aussprechen. Aber wenn der Trend in Richtung Wegrationalisierung von Erwerbsarbeitsplätzen geht, was wiederum mit der Entwicklung der Digitalisierung zu tun hat, dann stellt sich doch zunächst die Frage, ob das Konzept der Bürgerinnenversicherung und der Erwerbstätigenversicherung im 21. Jahrhundert noch als Alternative aufrecht erhalten werden kann. Die Idee war richtig – im vergangenen Jahrhundert. Jetzt muss meines Erachtens darüber nachgedacht werden, wie über eine gerechte Steuerfinanzierung die Solidarsysteme erhalten werden können. Rieger schlägt in seinem Artikel nun folgendes vor: „Die Alternative: ein schrittweiser, aber grundlegender Umbau der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende„. Er will die Struktur unserer Steuer- und Sozialsysteme so gestaltet, „dass mehr Automatisierung zu mehr realem, fühl- und messbarem Wohlstand für alle im Lande führt und dadurch der soziale Frieden langfristig erhalten bleibt„.  Dafür ein Konzept zu entwickeln, wäre doch mal eine spannende Aufgabe für (linke) Steuerpolitiker/innen.

Die Digitalisierung macht es aber auch erforderlich über Erwerbsarbeit und ein Bedingungsloses Grundeinkommen noch  einmal anders nachzudenken. Rieger formuliert:“Rechtliche oder gesellschaftliche Hürden zur Wegautomatisierung dieser temporären Arbeitsplätze sind praktisch nicht vorhanden.“ Nun würde ich ja die Frage stellen, ob es überhaupt im Nationalstaatlichen Rahmen möglich ist solche Hürden zu errichten. Und wenn diese Frage bejaht wird, ob es wirklich das Ziel sein sollte, sich der Wegrationalisierung von (Erwerbs)Arbeitsplätzen in den Weg zu stellen? Oder geht es nicht vielmehr darum die Digitalisierung auch als Chance zu begreifen, die Fokussierung auf Erwerbsarbeit in Frage zu stellen? Erwerbsarbeit, die zwar den Alltag strukturiert, aber häufig entfremdet ist. Erwerbsarbeit die zwingende Voraussetzung ist um mehr als das soziokulturelle Existenzminimum zu haben. Erwerbsarbeit, die nicht selten verhindert, dass Menschen da wo sie Anerkennung bekommen können nicht sein können, obwohl die Tätigkeiten die ihnen Anerkennung bringen würden gesellschaftlich sinnvoll sind und ihnen Spaß machen würden. Ist mit der Fokussierung nicht auch eine Abwertung von sinnvoller, Menschen ausfüllender Arbeit verbunden, wenn es zum Beispiel um Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement, Sorgearbeit oder künstlerische/kulturelle Angebote geht? Auch deshalb ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen eine gute Sache. Es macht Menschen freier, sich nicht mehr der Erwerbsarbeit unterwerfen zu müssen. Aber wie könnte ein Bedingungslose Grundeinkommen konkret aussehen? Es sind verschiedene Konzepte in der politischen Landschaft auf dem Tisch. Eines davon ist von der BAG Grundeinkommen der Partei DIE LINKE. Vielleicht ist doch die Zeit gekommen, dass DIE LINKE insgesamt sich für das Bedingungslose Grundeinkommen erwärmt.

Und weil schon fast Weihnachten ist, vielleicht macht DIE LINKE ja noch mal einen Zukunftskongress: Linke Antworten auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Da könnten dann alle Fachpolitiker/innen, alle Ebenen und alle Interessierten zusammenkommen. Es kann um Datenschutz genauso gehen, wie um die Frage der (digitalen) Infrastruktur und ihrer Finanzierung. Es kann um die Frage der Notwendigkeit und Möglichkeit der Anpassung des Rechtssystems ebenso gehen, wie um die Frage der zukünftigen Rolle der Nationalstaaten. Es kann um die Frage der Auswirkungen auf Kommunalpolitik gehen, die Chancen und Risiken in Bezug auf Nachhaltigkeit und Abbau der Ausbeutung des Südens durch den Norden. Es kann um die Frage der Zukunft der Erwerbsarbeit ebenso gehen, wie um die Frage der Finanzierung der Solidarsysteme. Es könnten sogar Debatten dazu stattfinden, wie DIE LINKE mit Kryptowährungen umgehen möchte. Es gäbe also sicherlich noch viel mehr zu debattieren. Es muss nur gewollt sein.

Parteivorstandssitzung III/3

Da ich auf Grund einer Dienstreise an der letzten Parteivorstandssitzung nicht teilnehmen konnte, ist die 4. Sitzung des Parteivorstandes in meinem Blog die 3. Sitzung des Parteivorstandes :-).

Die Tagesordnung des Parteivorstandes war umfangreich. Als erstes ging es unter dem Punkt Aktuelles um die Forderungen der LINKEN angesichts der Situation in Kobane. Die Debatte war angestoßen worden durch einen Aufruf von 14 Politiker/innen der LINKEN „Kobane retten“ und dem Positionspapier von Gregor Gysi zu dem Thema.  Bevor jetzt ein Strömungsbashing stattfindet, auch ich bin mittlerweile im Forum Demokratischer Sozialismus und ich teile diesen Aufruf ausdrücklich nicht. Insbesondere teile ich die Passage „Vor diesem Hintergrund ist eine militärische Unterstützung und Kooperation der Kurden in und um Kobane unumgänglich.“ nicht. Dies deshalb, weil ich aus ganz grundlegenden Überlegungen heraus den Einsatz militärischer Gewalt für falsch halte. Was ich allerdings -vorsichtig formuliert- schwierig finde, ist der Stil der Auseinandersetzung mit Genossen/innen, die in ihren Überlegungen in der konkreten Situation zu anderen Ergebnissen kommen als ich. „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“ muss gerade dann gelten, wenn eine Position vertreten wird, die der eigenen diametral entgegensteht. Andernfalls macht dieser Spruch nämlich keinen Sinn. Und das heißt eben auch, jeder und jede darf ohne vorher jemanden zu informieren seine bzw. ihre Meinung vertreten. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung in der inhaltlich darüber diskutiert wird, warum die konkrete Position nicht geteilt wird. Das geht aber nicht mit Formulierungen wie etwa: Diese oder jenes an inhaltlicher Positionierung sei „Illoyal“. Das ist nicht im PV gefallen, aber an anderer Stelle. Im PV war die Debatte weitgehend sehr solidarisch. (Anmerkung für meine Kommentatoren-„Fans“: Wenn ihr die Auseinandersetzung mit den 14 sucht, die findet nicht hier auf meinem Blog statt. Der ist nicht die virtuelle Wandzeitung für alles was schon immer zur Partei und einzelnen Personen gesagt werden wollte.) Dem PV lag ein Vorschlag des GfPV für einen Beschluss vor. Ich hätte ihm gern zugestimmt, weil er insgesamt eigentlich ganz gut war. Es war zudem erfreulich, dass der Parteivorstand sich dazu durchringen konnte hinsichtlich des Vorschlages einiger Spitzengrünen zu einem Bundeswehreinsatz genau diese Differenzierung vorzunehmen und nicht den Grünen insgesamt diesen Vorschlag zuzuschreiben. Aber: Aus dem Satz: „Eine militärische Intervention von westlichen Staaten ist auch deshalb abzulehnen.“ wurden zunächst, völlig zu Recht, die „westlichen Staaten“ gestrichen. Auf einen Antrag von Caren Lay hin wurde über die „westlichen Staaten“ aber noch einmal abgestimmt.  Und bei dieser zweiten Abstimmung blieben die „westlichen Staaten“ dann doch wieder im Papier. Das finde ich nicht richtig. Ich lehne nicht nur eine militärische Intervention westlicher Staaten ab, sondern generell militärische Interventionen. Und es kommt ein zusätzliches Problem hinzu:  In dem Papier wird nicht an einer einzigen Stelle die UNO als zentraler Akteur bei der Konfliktlösung -natürlich unter Ausschluss militärische Mittel- genannt. Auch das finde ich falsch. Ich habe also wegen der fehlenden Benennung der UNO und der Einschränkung, das wir nur militärische Interventionen westlicher Staaten ablehnen, dem Beschluss nicht zugestimmt. Völlig richtig ist meines Erachtens die Beschlussfassung zu einem Spendenaufruf für Kobane/Suruc.

Zu dem Punkt Auswertung der Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen lag das äußerst interessante Papier von Horst Kahrs „Degrowth bei der Linken“ vor. Jenseits kurzfristiger Wahlauswertungsanalysen verweist dieses Papier auf  ein in meinen Augen grundsätzliches Problem. Horst Kahrs hat dies wie folgt völlig zutreffend zusammengefasst: „Die Linke droht, so lässt sich zugespitzt formulieren, den Anschluss an die Arbeitswelt, an die dort stattfindenden Umwälzungen der Produktivkräfte (Stichwort Digitalisierung und Industrie 4.0), an den Alltag und das Alltagsbewusstein`normaler` Berufstätiger zu verpassen.“ Da ich diese Kernthese des Papieres teile, finde ich das die LINKE genau solche Themen auf dem geplanten Zukunftskongress debattieren sollte. Doch dazu schreib ich ja weiter unten noch etwas :-). Im Hinblick auf den Koalitionsvertrag in Brandenburg habe ich hier bereits etwas aufgeschrieben und zur Debatte um die eigenen Geschichte, die vor allem vor dem Hintergrund Thüringen debattiert wird, steht hier was. Einen Extra-Punkt gab es zur AfD mit vielen interessanten demoskopischen Zahlen. Hier fand ich eine These besonders interessant, die dafür warb, als LINKE mehr zu argumentieren statt zu verkürzen. Das würde zu weniger Verwechslung führen. Der Parteivorstand richtete eine Arbeitsgruppe zur Einschätzung und zum Umgang mit der AfD ein.

Als weiterer Punkt ging es im Parteivorstand um die Arbeit der NSU-Untersuchungsausschüsse. Der Streik der GDL verhinderte leider das Katharina König und Hermann Schaus an der Sitzung teilnehmen konnten, aber Petra Pau, Kerstin Köditz und Janine Wissler gaben einen guten Überblick über das was bislang geschah und was noch geschehen muss um das Thema aufzuarbeiten und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

Den Abschluss des Tages bildete die Debatte zum Zukunftskongress. Gemeinsam mit dem Genossen Klaus Lederer und dem Genossen Stefan Hartmann habe ich zu diesem Tagesordnungspunkt ein umfangreiches Papier eingereicht. Ich will das jetzt nicht alles wiederholen. Neben der methodischen Kritik, auf die im Papier umfassend eingegangen wird, will ich auf die in meinen Augen geplante unterkomplexe Themensetzung des Zukunftskongresses kurz eingehen. Der Kongress soll sich an fünf Themensäulen orientieren. Wenn aber unter Thema 4  mit dem Titel „Produktion der Zukunft“ nicht einmal das Thema Veränderung der Produktionsprozesse durch die Digitalisierung aufgeführt wird, dann glaube ich werden wir den gesellschaftlichen Aufgaben für eine Linke nicht gerecht. Ein Zukunftskongress muss sich damit m.E. beschäftigen. Er muss fragen, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft insgesamt hat und im speziellen auf die Zukunft der Erwerbsarbeit und die Solidarsysteme. Die Debatte nimmt gerade Fahrt auf. Es gibt Jeremy Rifkins Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ und sein Interview im Neuen Deutschland. In der Süddeutschen Zeitung wird darüber debattiert, ob die Ökonomie des Teilens zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens führt. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einem Analyse-Papier das Thema Zukunft der Erwerbsarbeit angeschnitten. Erste Studien zur Anfälligkeit von Jobs durch die zunehmende Digitalisierung liegen vor. Das sind lauter Ansätze über die es sich lohnen würde zu debattieren. Und es gibt m.E. eine weitere Debatte die in diesem Zusammenhang geführt werden muss. Was bedeutet die Digitialisierung für Privatheit und Selbstbestimmung im 21. Jahrhundert? Für die Entwicklung von Alternativen zur kapitalistischen Gesellschaft ist dies eine wichtige Frage. Mehr oder weniger freiwillig geben Menschen täglich Daten preis, die zu Profilen und neuen Angeboten vernetzt werden. Ein Beispiel dafür ist das sog. Wearabel Computing. Was sich zunächst als Erleichterung für den Alltag darstellt, kann sich schnell als Bumerang erweisen, wenn es zum Beispiel um Versicherungen geht. DIE LINKE muss sich mit der Frage beschäftigen, inwieweit Menschen heute noch Privatsphäre besitzen, wie diese gesichert und ggf. wieder hergestellt werden kann. Selbstbestimmtheit und Privatheit sind Voraussetzung um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, also Entscheidungen die nicht von Algorithmen vorgegeben sind. Um Antworten auf die Frage nach Privatheit und Selbstbestimmung im 21. Jahrhundert geben zu können ist eine Bestandsaufnahme und eine Aussicht auf zukünftige Entwicklungen ebenso erforderlich wie eine Verständigung darüber wie Menschen selbstbestimmt mit ihren Daten umgehen können. Andere Parteien haben das Thema Digitalisierung durchaus schon aufgegriffen. Die SPD beispielsweise hat mit #digtialLeben einen interessanten Diskussionsprozess innerhalb der eigenen Partei angestoßen (so meine Sicht von außen). Unter #freiheit #vernetzt #sichern hat die Grüne Bundestagsfraktion das Thema Bürgerrechte in der digitalen Welt zu einem Schwerpunktthema der Arbeit gemacht. Und wir sollten  die Veränderungen der Produktionsprozesse durch die Digitalisierung der Gesellschaft nicht einmal auf einem Zukunftskongress debattieren? Das war für mich völlig unverständlich. Der Vorstand debattierte durchaus kritisch die vorgelegte Konzeption und es wurde vereinbart die Themen Digitalisierung und Folgen für die Erwerbsarbeit ebenso mit aufzunehmen wie das Thema Selbstbestimmung im 21. Jahrhundert.

Am Sonntag ging es dann mit dem Punkt Finanzen los. Dem Vorstand lagen Eckpunkte für die Finanzplanung vor. Auch der Rechenschaftsbericht wurde ausgeteilt. In den vergangenen Jahren wurde er dem Vorstand immer vor Einreichung an den Bundestagspräsidenten zur Kenntnis gegeben. Aber sei es wie es sei. Aus den Eckpunkten ergaben sich für mich einige Fragen, die ich im Vorstand stellte und die auch beantwortet wurden.  Was sind die erwähnten „nicht zu beeinflussenden Gründe“ bei den Ländern im Rahmen des Länderfinanzausgleichs? Darunter, so wurde gesagt, seien beispielsweise aufgrund bundespolitischer Ereignisse nicht dem Verantwortungsbereich der Länder zuzuordnende Austrittswellen mit erheblich sinkenden Einnahmen zu verstehen. Wie verträgt sich die Forderung nach Befristungen für Stellen im Bereich des Länderfinanzausgleiches mit den politischen Prinzipien der Partei auf sachgrundlose Befristungen zu verzichten? Das politische Problem, so die Antwort, sei durchaus bekannt. Aber wegen sinkender Einnahmen sei eben über 2017 keine Planungssicherheit zu leisten. In welcher Höhe hat der Jugendverband staatliche Mittel bekommen und in welcher Höhe wird er auf Parteimittel zurückgreifen müssen? Erfreulicherweise konnte an dieser Stelle vom Jugendverband mitgeteilt werden, dass dieser davon ausgehe die Ausfallbürgschaft des Parteivorstandes nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Wer erhält Gelder aus dem Länderfinanzausgleich? Derzeit erhalten aus dem Länderfinanzausgleich -so die Auskunft- sowohl Ost- als auch Westländer Geld. Derzeit wird im Bundesfinanzrat debattiert, ob zukünftig nur die Westländer Kohle bekommen sollen oder auch ein Teil der Ostländer weiter Kohle bekommen soll. Dazu könne Ende des Jahres mehr gesagt werden, wenn der Bundesfinanzrat sich verständigt hat. Dem Parteivorstand lag zu meiner Überraschung kein Grobfinanzplan vor, sondern in den Eckpunkten der Finanzplanung hatte der Bundesgeschäftsführer, nicht der Bundesschatzmeister, Rahmendaten für die Finanzplanung des Parteivorstandes vorgelegt. Angesichts der Debatten vor einem Jahr um den Grobfinanzplan (der damalige Bundesschatzmeister legte am 14 . Oktober 2013 einen Grobfinanzplan vor, der mit den Vorsitzenden nicht abgestimmt war, was diese verärgerte) eine etwas absurde Situation. Vermutlich diente die Nichtvorlage eines Grobfinanzplanes durch den Bundesschatzmeister aber nur dazu, vermeintlich schmutzige Politik und damit eine schmerzhafte Erfahrung eines Vertrauensverlustes zu vermeiden. *Zynismuss off*  Die offiziell im PV vorgetragene Begründung, mensch brauche erst die Verständigung über die Eckdaten bevor der Grobfinanzplan vorgelegt werden kann ist für mich nicht überzeugend, denn der Rahmenansatz für den Finanzplan des PV bezieht sich auf die Eckdaten der Finanzplanung. Da hätte vor allem wegen Transparenz und Mitbestimmung auch der Grobfinanzplan vorgelegt werden können. Die Frage, wann der Finanzplan mit den Zusammenschlüssen debattiert werde, wurde mit dem konkreten Datum 15. November beantwortet. Dort -so die Antwort auf eine weitere Frage- werden auch die Finanzen für die Zusammenschlüsse beraten. Dort, nach dem Treffen und natürlich auch schon jetzt könne die Anmeldung für den finanziellen Bedarf der Zusammenschlüsse und ihre externen Publikationen stattfinden. Die Frage wie die PV-Mitglieder auf den Finanzplan, zum Beispiel mit Änderungsanträgen, Einfluss nehmen können wurde sinngemäße wie folgt beantwortet: Sobald der Bundesgeschäftsführer den Grobfinanzplan beim GfPV eingereicht hat, können die PV-Mitglieder konkrete Änderungsanträge stellen. Die daraufhin von mir gestellte Frage, weshalb der Bundesgeschäftsführer einen Grobfinanzplan in den GfPV einreiche und nicht der Bundesschatzmeister wurde nicht wirklich beantwortet.

Weiter ging es am Sonntag mit den noch vorhandenen Anträgen vom Berliner Parteitag und hier freute ich mich besonders auf die Debatte zu dem auch von mir mit eingereichten Antrag zum Wahlrecht. Der Parteivorstand debattierte zunächst über das Verfahren, da es den Vorschlag gab, die einzelnen Punkte abzustimmen. Mein Vorschlag bestand darin, den Antrag in der Sache nicht abzustimmen, sondern in weiteren Gremien und an anderen Orten weiter zu debattieren. Dieser Antrag wurde leider abgelehnt. Wieder eine Chance vertan, inhaltlich über wichtige Themen der Demokratie zu reden. Danach ging es im Hauruck-Verfahren (Eine Fürrede, Eine Gegenrede) in die einzelnen Punkte. Besonders absurd war dann folgendes: Die Abschaffung der Altersgrenzen (Wahlrecht ab Null) wurde mit 13:12 abgelehnt, ohne das nur ein einziges Gegenargument gefallen wäre. Was für eine Farce! Auch weiterführende grundlegende Reformüberlegungen wie die Ersetzung des Zwei-Stimmen-Wahlrechts entsprechend des Vorschlages im Antrag, die Brechung des Parteienmonopols bei der Zulassung zu Wahlen und die Forderung nach rein formalen Kriterien bei der Zulassungsentscheidung zu Wahlantritten wurde abgelehnt. Wieder eine vertane Chance für DIE LINKE, sich als Partei der Demokratisierung zu profilieren.

Der Parteivorstand debattierte eine Vorlage zur Einrichtung von Arbeitsgruppen, die Reformalternativen erarbeiten soll. Es gab einige Unklarheiten über den Sinn und Zweck der Arbeitsgruppen. Besonders putzig ist die Begründung, in den Arbeitsgruppen soll umfassend diskutiert und eine solche umfassende Diskussion für den Parteivorstand vorbereitet werden, wenn sie unmittelbar nach der Behandlung des Wahlrechtsantrages vorgetragen wird. Da war dieses Anliegen ja gerade abgelehnt worden. Der Parteivorstand richtete trotzdem Arbeitsgruppen zu Reformalternativen ein. Eigentlich hatte ich vor, in der Arbeitsgruppe Demokratie mitzuarbeiten. Dort hätte ja auch die Debatte zum Wahlrecht prima reingepasst. Aber nachdem abgelehnt worden ist über das Thema Wahlrecht dort zu reden und auch sonst mein Eindruck ist, das Thema Demokratie wird zwar immer benannt aber der Wille zur wirklichen Bearbeitung des Themas fehlt, habe ich mich entschieden die Arbeitsgruppe einfach arbeiten zu lassen.

Der Sonntag endete  mit der Behandlung weiterer Vorlagen. Darunter befanden sich die Vorlagen für eine Feministischen Offensive in der Parteientwicklung, ein Antrag zu TTIP und CETA und zum G7-Gipfel.

Der Parteivorstand ist jetzt vorbei und ich mach dann mal Wochenende.

Sozial gerechte Politik im Zeitalter der Digitalisierung

Keine linke Denkfabrik und keine sog. linke Zeitung hat -natürlich nur soweit ich das überblicken kann, vielleicht ist mir da auch was durchgerutscht- dieses Thema aufgegriffen, sondern das Handelsblatt. In einem bemerkenswerten Artikel wird dieses Thema näher beleuchtet.

Die zentrale Passage für micht lautet: „Darüber hinaus ist in unserer Gesellschaft eine Person ohne Arbeit zweifelsohne stigmatisiert und eine steigende Zahl von Digitalisierungsverlierern würde die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur weiter auseinanderklaffen lassen, sondern auch die Mittelschicht empfindlich treffen. Die Rolle des vielgepriesenen Facharbeiters am Band wird durch die Vernetzung innerhalb des produzierenden Gewerbes verändert und eher zu einem Auslaufmodell werden. Wenn Industrie 4.0 nun in den Fokus von Wirtschaft und Politik rückt, dann sollte auch die Debatte geführt werden, was wir als Gesellschaft unternehmen, wenn künftig immer weniger Arbeitskraft im herkömmlichen Sinne benötigt wird, weil Roboter oder Drohnen die Arbeiten effizienter verrichten können. Wir werden nicht umhinkommen, über ein Grundeinkommen zu diskutieren, … .“

Natürlich muss es korrekt „Erwerbsarbeit“ im zitierten ersten Satz heißen. Aber die aufgeworfenen Fragen sind tatsächlich die Fragen, die sich für eine sozial gerechte Politik im Zeitalter der Digitalisierung stellen. Was bedeutet es für die Solidarsysteme, wenn das klassische Erwerbsarbeitsverhältnis verschwindet? Was sind die Antworten von linker Seite darauf? Was bedeutet es, wenn nicht nur die klassischen Industriearbeitsplätze betroffen sind, sondern möglicherweise durch Entwicklungen wie dem 3 D-Drucker auch der Dienstleistungssektor und die dortigen Erwerbsarbeitsplätze? Was ist dann unter „Guter Arbeit“ zu verstehen? Und wie geht eine Gesellschaft damit um, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt? Wer kennt es nicht von sich selbst: Noch nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub werden die Mails gecheckt und beantwortet. Heutzutage wird fast schon vorausgesetzt binnen 24 Stunden auf eine Mail zu antworten.

Der Autor stellt am Ende richtig fest, es ist Zeit auch über ein Grundeinkommen zu diskutieren. Eine Enquete des Bundestages -wie sie DIE LINKE im Wahlprogramm fordert- könnte ein Anfang sein. Ich selbst befürworte das bedingungslose Grundeinkommen.  Wer mag, kann sich gern einmal in das überarbeitete Konzept der BAG Grundeinkommen der LINKEN einlesen. Eine Enquete könnte ergebnisoffen debattieren, ob und wenn ja welches Konzept eines Grundeinkommens sinnvoll ist.

Wichtig erscheint mir aber, die soziale Frage vor dem Hintergrund des Umbruchs der Digitalisierung zu debattieren. Vielleicht ist ja der Artikel im Handelsblatt ein Anlass für eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema. Eine Debatte, in der auch ich mehr Fragen als Antworten habe. Eine Debatte, die sich aber lohnen würde.

Es war einmal …

… vor langer, langer Zeit als in Deutschland der Sommer noch ein solcher mit Sonne war. Während in Deutschland die Menschen unter der Hitze stöhnten, regnete es in Südeuoropa ständig und war verhältnismäßig kalt. Eine Linderung der Hitze in Deutschland zeichnete sich nicht ab. Die Bereitschaft Erwerbsloser zur Linderung der Hitze in der Produktion von Sonnenschirmen zu arbeiten und eine diesbezügliche Umschulung zu absolvieren war groß. Doch die Unternehmen hatten daran kein Interesse. Wer weiß, wie die nächsten Sommer sind, dachten sie sich.  Wenn sie wieder so sind wie die Sommer jetzt in Südeuropa, dann haben wir lauter Sonnenschirmbauer aber benötigen keine Sonnenschirme mehr. In Südeuropa wiederum gab es aufgrund der dort eigentlich üblichen Sommer genügend Sonnenschirmbauer. Da der Sommer dort aber verregnet und kalt war, bestand kein Bedürfnis nach Sonnenschirmen und sie waren meist erwerbslos.

Die brütende Hitze und die fehlenden Sonnenschirme beschäftigten auch die Politik in Deutschland. Der Wetterminister hatte zunächst dafür gesorgt, dass in Deutschland Sommer und Südeuropa kaltes und regnerisches Wetter war. Er machte den Vorschlag,  die in Südeuropa vorhandenen Sonnenschirmbauer nach Deutschland zu holen um schnell und effektiv Sonnenschirme zu produzieren und somit Abhilfe gegen die Hitze zu schaffen. Die Unternehmen hatten nichts dagegen, schließlich gab es noch keinen gesetzlichen Mindestlohn. Dieser Vorschlag war für sie billiger als die Umschulung von Erwerbslosen in Deutschland zum Sonnenschirmbauer. Andere im politischen Deutschland formulierten, dass es doch völlig egal sei wer die Sonnenschirme nun baut, Hauptsache es gibt sie endlich. Am besten sei sowieso wenn es eine europaweite Koordinierung des Sommers und  Sonnenschirmproduktion gebe, schließlich zeige sich das die Sommer mal im Süden, mal im Norden, mal im Osten und mal im Westen besonders heiß sind. Im übrigen müsste aber die Unternehmen endlich ihren Beitrag zum Abbau der Erwerbslosigkeit leisten und der gesetzliche Mindestlohn kommen, damit kein Lohndumping erfolge.

Eine Spitzenmeldung produzierte ein Spitzenpolitiker der „Rettungschirm für Sonnengeschädigte„-Partei (RfSP). Dieser formulierte: „Bevor die erwerbslosen Sonnenschirmbauer aus den südlichen Ländern Europas abgeworben werden,  müssen wir eine Umschulungsoffensive in Deutschland starten und die Erwerbslosen die ja bereit sind sich an der Produktion von Sonnenschirmen zu beteiligen umschulen.“ 

Mitglieder der RfSP reagierten aufgeschreckt. Über die Presse ebenso wie über Twitter und Facebook meldeten sich Politiker/innen der RfSP zu Wort und wiesen die Aussage zurück, meldeten aber auch erhebliche Zweifel an ob diese Aussage von dem Spitzenpolitiker der RfSP tatsächlich so gesagt wurde. Dem Politiker der RfSP wurde das Ganze ein wenig unheimlich. Wenige Stunden nach seiner Aussage und den Widerworten aus der eigenen Partei wurde aus seinem Büro auf Anfrage ein „Originalzitat“ verschickt, welches in den sozialen Netzwerken kursierte.  „Wir wollen das schnell Sonnenschirme hergestellt werden und es ist uns egal, ob sie von Menschen aus Ost-, West-, Süd- oder Nordeuropa produziert werden.  Aber der Wetterminister will etwas ganz anderes. Erst sorgt er dafür, dass in anderen Teilen Europas der Sommer kein Sommer mehr ist  und treibt damit die Sonnenschirmbauer in eine dramatische Krise und zerstören Millionen Arbeitsplätze, und dann sollen die Sonnenschirmbauer nach Deutschland abgeworben werden. Das ist genau das falsche Rezept. Wer den Sonnenschirmbauern wirklich helfen will, muss europaweit für ein ausgewogenenen Sommer sorgen.  Zur Wahrheit gehört auch, dass die deutschen Unternehmen sich weigern Sonnschirmbauer einzustellen und umzuschulen, weil es ihren Profit schmälern würde.  Die RfSP fordert seit Jahren einen gesetzlichen Mindestlohn und Umschulungsmaßnahmen.“

Viele in der RfSP atmeten auf. Ist ja doch nicht so schlimm wie gedacht, meinten sie. Der beste Freund des die Aufregung verursachenden Spitzenpolitikers verschickte eine E-Mail an alle zur Verfügung stehenden Adressen, in welcher er nicht nur auf das „Originalzitat“ verwies, sondern auch noch jede Menge programmatische Forderungen der RfSP verschickte. Gleichzeitig bat er doch ausdrücklich darum, dass die Mitglieder der RfSP solidarisch mit dem Politiker umgehen.

Während für viele in der RfSP die Angelegenheit damit beendet war regte sich bei einigen Mitgliedern Zweifel.  Das Originalzitat des Politikers befand sich nämlich auf keiner seiner offiziellen Websites. Es wurde nur in den sozialen Netzwerken verteilt und weder von der RfSP noch vom Spitzenpolitiker selbst war lautes Lamentieren zu vernehmen, dass es ein Skandal sei, dass die Presse den Spitzenpolitiker zitiert mit einem Zitat welches im „Originalzitat“ nicht ansatzweise auftaucht. Einige aus der RfSP wiesen darauf hin, dass das Ein-Satz-Zitat immer noch in der Welt steht und nur dann richtig gestellt werden könne, wenn eine Gegendarstellung gemacht werden würde. Bei solch offensichtlichen journalistischen Mängeln könne das ja kein Problem sein.

Doch es passierte nichts. Weder gab es eine Gegendarstellung noch wurde öffentlich beklagt, dass ein Zitat derart entgegen journalistischer Sorgfalt verwendet wurde. Einige in der RfSP kamen zu dem Schluss, dass vielleicht das Ursprungszitat tatsächlich so gesagt wurde, aber beweisen konnten sie es nicht.

Die Sommer sind seit diesem Vorfall verregnet.