„Wir Angepassten“

So wie das alte Jahr aufgehört hat, fängt das neue Jahr an. Mit einer Leseempfehlung. Diesmal Roland Jahns „Wir Angepassten“. Dieses Buch erzählt Geschichte in Form von Geschichten. Es stellt Fragen, auch an jede und jeden selbst. Ohne gleich ein Urteil zu fällen, ohne zu verurteilen.

Ich habe ja hier und hier bereits über das Thema Geschichte geschrieben. Als die Mauer fiel war ich 16 Jahre alt und trotzdem frage ich mich auch heute noch manchmal, warum ich eigentlich beim Fackelzug der FDJ im Oktober 1989 nocht dabei war. Warum ich das Verbot des Neuen Forum nicht in Frage stellte. Eine richtig zufriedenstellende Antwort habe ich bis heute nicht gefunden.

Wohltuend macht Roland Jahn nicht die klassische und im politischen Alltagsgeschäft verkürzende Einteilung in „Opfer“ und „Täter“ auf, sondern beschreibt die Ambivalenz des Handelns unter den Umständen einer Diktatur. Treffend formuliert er: „Eiertanz. Das Wort passt für so vieles, was ich mit der DDR verbinde. Sich durchlavieren. Das eine sagen, das andere meinen. Strategien und Taktiken entwickeln, die das Geforderte bedienen, ohne sich selbst zu verraten.“ Immer wieder werden in dem Buch Situationen benannt, wo es um diesen Eiertanz geht. Von der Frage, wie sehr sich für einen Studienplatz verbogen wurde bis hin zur Frage, wie mit dem Grundwehrdienst umgegangen werden sollte.

Roland Jahn spricht über das Schweigen als Strategie vieler Menschen. „Schweigen wurde zur Strategie. Es war eine Methode sich zu verstecken und die Angst vor den Folgen der eigenen Meinungsäußerung zu ertragen“. Angst als Methode, die dazu führte das Menschen sich wegduckten und unpassende Dinge ausblendeten – bis es nicht mehr ging. Besonders deutlich wird, dass die Staatsform und Herrschaftstruktur eines Staates nicht gleichgesetzt werden kann mit den Menschen, die in ihm gelebt haben. Wer die Staatsform und Herrschaftsstruktur kritisiert, fällt nicht gleich auch ein Urteil über das Leben der Menschen.

Wenn es um die Geschichte der DDR geht, dann sind die Bewertungen meist klar, eindeutig und in Schlagworten zusammengefasst. Insbesondere in der politischen Debatte sind die Rollen klar verteilt. Ich habe das gerade im vergangenen Jahr bei den zwei Lesungen zur sog. SED-Opferrente erlebt. Und auch die eine oder andere Formulierung in Koalitionsverträgen hat sich der herrschenden Sichtweise angeschlossen. Auch hier findet Roland Jahn in seinem Buch treffende Worte: „Heute moralische Bewertungen an das Verhalten von damals anzulegen und pauschal zu verurteilen wird dem Leben in der Diktatur nicht gerecht. Es gilt, differenziert den Einzelfall zu betrachten, die vielen Umstände, die in die Entscheidung zu einem Verhalten eingeflossen sind. Eine klare Antwort aber gibt es nur selten. (…) Einen Automatismus kann es im Umgang mit der Vergangenheit nicht geben. Ein formales Bekenntnis ist nicht per se schon ausreichend.

Das Buch fordert auf, eigene Geschichten zu erzählen. Das Buch fordert auf, die Geschichte der DDR differenziert in Bezug auf das gelebte Leben der Menschen und klar distanzierend in Bezug auf die Herrschaftsstruktur und Staatsform zu betrachten. Das Buch zeigt meines Erachtens, dass nicht Begriffe entscheidend sind, sondern begreifen. Damit es keine Wiederholung gibt. Ein Bekenntnis ist leicht abgelegt. Es kommt aber nicht auf Bekenntnisse an, sondern auf Taten.

5 Gedanken zu „„Wir Angepassten““

  1. „Eine richtig zufriedenstellende Antwort habe ich bis heute nicht gefunden.“
    Herjee, du warst 16 und nicht 40. Wenn dich das nicht zufriedenstellt, könntest du dich fragen, was du von 16-Jährigen erwartest (ist ja wohl einiges), was bisherige Gesetze für Jugendliche regeln und dann darüber nachdenken, ob deine Erwartungen realistisch sind. 😉

  2. Der achso-„differenzierende“ Turnvater-Roland lässt ziemlich undifferenziert BStU-Mitarbeiter mit MfS-Vergangenheit rauswerfen, die selbst von Gauck & Birthler in ihrer Tätigkeit belassen wurden. Was sind schon 20 Jahre unbeanstandete Tätigkeit nach ’89 gegen ein MfS-Brandzeichen…

  3. Bevor der Arbeiter-und Bauernstaat mich nicht mehr reingelassen hat, hatte ich vorwiegend mit „Unangepassten“ in Ostberlin zu tun. Diese haben einen hohen Preis für ihr UNANGEPASSTSEIN gezahlt. Von daher kann man, vor allem als Bundesbürger, m. E. niemanden sein „Schweigen“ in der DDR vorwerfen.
    Es gilt vielmehr die Verhältnisse, die solches Schweigen möglich und auch nötig machten, offen zu legen und als das zu benennen, was sie waren. UNRECHT!!!!

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