Fundamentale Unterschiede im Politikverständnis

Was für ein Politikverständnis? Ein Politikverständnis, das mich gruseln lässt. Beim besten Willen: Ich sehe keine Gemeinsamkeiten mehr. Ich verstehe jede*n, der/die meint, es müsse sich nicht immer gestritten werden. Aber an dieser Stelle muss es. Denn es geht um das grundlegende Politikverständnis.

Was bringt mich so auf die Palme an diesem Meinungsartikel? Die Autorin schreibt von der :

„glitzernde Hülle linksliberaler Werte (…), um ihm ein Image von Modernität, ja moralischer Integrität zu geben. Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz sind das Wohlfühl-Label, um rüde Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren und ihren Nutznießern ein gutes Gewissen zu bereiten.“

Was für eine Missachtung linksliberaler Werte? Was für eine Denunziation von Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz? Links sein heute heißt für mich linksliberale Werte hochzuhalten und zu verteidigen. Wer sollt es denn sonst tun, wenn nicht linke Parteien und Bewegungen? Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz haben nichts mit Wohlfühl-Label zu tun, sondern  sind vordringlichste Aufgabe von linker Politik. Genauso wie Umverteilung von oben nach unten. Hier gibt es weder ein Naturgesetz, dass wer für Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz auch für Umverteilung von oben nach unten eintritt, noch eine Rangfolge der Wichtigkeit. Erst recht geht es nicht um ein gutes Gewissen. In einer Zeit, in der sich viele Menschen ehrenamtlich quasi den Ar*** aufreißen für Geflüchtete, Minderheitenschutz und Antirassismus und in der gesamten Gesellschaft ein rassistischer Diskurs und eine Ausgrenzungstrategie gefahren wird, erwarte ich Rückendeckung für die Engagierten, statt eine Unterstellung, diese würden einen Umverteilungsdiskurs von unten nach oben unterstützen.

Was hier propagiert wird, ist der Hauptwiderspruch. Erst kommt der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, dann der Rest. Der ist dann auch nicht so wichtig. Das ist übrigens das, was Ex-Außenminister Gabriel seiner Partei vorgeworfen hat. Links sein im 21. Jahrhundert bedeutet gerade nicht eine abstrakte Rangfolge von Widersprüchen aufzumachen, sondern die Widersprüche zusammenzubinden und gegen sie anzugehen. Links sein im 21. Jahrhundert heißt eben konsequent für Minderheitenschutz, für den Erhalt linksliberaler Werte, gegen Rassismus und Ausbeutung ökonomischer Art vorzugehen.

In einer Zeit, in der Geflüchtete für alles verantwortlich gemacht werden, in der sie zu Sündenböcken gestempelt werden, erwarte ich etwas anderes als die indirekte Bestätigung dieser These.

„Und die Aufnahme Hunderttausender Zuwanderer, vor allen in den Jahren 2015 und 2016, hat akute Probleme wie den Mangel an Sozialwohnungen und Kita-Plätzen oder die hoffnungslose Überforderung von Schulen in sozialen Brennpunkten weiter verschärft.“

Hier wird suggeriert, ohne Aufnahme Hunderttausender Zuwanderer gäbe es keinen Mangel an Sozialwohnungen und Kita-Plätzen und keine hoffnungslose Überforderung der Schulen. Was für eine Mär. Der Mangel ist Ergebnis von Politik, er wäre auch ohne die hinzukommenden Menschen vorhanden gewesen. Antikapitalistisch wäre, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Mal abgesehen davon, dass es sich hier nicht um Zuwanderer, sondern Geflüchtete handelt.

Die Autor*in spricht von „Fassadendemokratie„. Eine Wortwahl, die bei aller notwendiger Kritik am Parlamentarismus, eine Demokratieverachtung erkennnen lässt, die mich erschreckt. Rekurrierend auf eine angeblich Mehrheit, fabuliert die Autorin, für diese

„sind Minderheitenrechte und Antidiskriminierungspolitik heuchlerische Facetten eines politischen Programms, das sich als edel, hilfreich, solidarisch und gut inszeniert, obschon seine Protagonisten ihrem Wunsch nach einem Leben in bescheidenem, halbwegs gesichertem Wohlstand seit jeher mit völliger Gleichgültigkeit, ja Verachtung begegnen.“

Da ist sie wieder: Die Verachtung für Menschen, die sich für Minderheitenrechte und Antidiskriminierungspolitik einsetzen. Hier werden all diejenigen, die sich für Geflüchtete einsetzen, als diejenigen bezeichnet, die eine „heuchlerische Facette eines politischen Programms“ umsetzen und „den Wunsch nach einem Leben in bescheidenem, halbwegs gesichertem Wohlstand seit jeher mir völliger Gleichgültigkeit, ja Verachtung begegnen„. Gleiches gilt für Menschen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen, für Vielfalt von Lebensweisen. Rhetorisch wird sowas ja auch ganz gern von der anderen Seite des politischen Spektrums so vorgetragen.

Mein ganz praktischer Vorschlag für die Zukunft: Die Sammlungsbewegung einfach gründen, dahin gehen und DIE LINKE nicht im Wochenrhythmus weiter vor sich hertreiben. Dann muss ich mich mit solchen Positionen nicht mehr auseinandersetzen. Weil meine Sammlungsbewegung wird es nicht sein.