Als die Mauer fiel

… war ich 16 Jahre alt. Ich hatte Angst vor der Wiedervereinigung. Meine Angst bezog sich auf deutschen Größenwahn und Nationalismus. Bei der Bundestagswahl 1990 konnte ich noch nicht mitwählen, ich war noch keine 18 Jahre alt.

Als die Mauer aufging, legte ich mich recht schnell in mein Bett, um am nächsten Tag wieder brav in die Schule zu gehen. Es war das Schuljahr, in dem der Abschluss der 10. Klasse gemacht werden sollte. Ich weiß nicht mehr, ob zu diesem Zeitpunkt schon klar war, dass ich die Zulassung zum Abitur hatte und meine katholische Freundin (die nicht in der FDJ war)  nicht. Dabei war sie schulisch sogar besser und hatte die „volkswirtschaftlich notwendigeren“ Berufe angegeben. Durch die sog. Wende konnte meine katholische Freundin doch Abitur machen. Sicher war die Möglichkeit das Abitur zu machen und eine Studium aufzunehmen nicht von der sozialen Lage der Eltern abhängig. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Möglichkeit das Abitur zu machen aus politischen Gründen Menschen verwehrt wurde. Auch das ist ein Beleg dafür, dass der sich so nennende Sozialismus keiner war.

Kurz vor dem Mauerfall war ich noch bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR. Heute frage ich mich natürlich, warum ich da hingegangen bin. Ich habe zu wenig in Frage gestellt und zu wenig Fragen gestellt. Ich war tatsächlich eine treue DDR-Bürgerin.

Im August 1990 bin ich in die PDS eingetreten. Die Gründe sind aus heutiger Sicht sicherlich ein wenig krude. Zum einen gab es eine Jugendgruppe dort und zum anderen einen Kreisvorsitzenden, der offen für neue Ideen war. Ich war sauer, dass diejenigen, die bislang alles gut fanden, von einem Tag auf den anderen alles Schei** fanden. Wie geht sowas?

Was hat mich in der PDS gehalten? Am Ende war es ein offenes Klima, in dem kontrovers aber offen und respektvoll debattiert wurde. Es waren unzählige Debatten um die Geschichte des sog. Sozialismus, die Rolle und Verstrickungen einzelner Personen in das System der DDR. Selbstquälend, sich selbst hinterfragend und mit einer Ehrlichkeit, wie ich sie danach kaum wiedergefunden habe. Ein Ergebnis auch dieser Debatten ist der Beschluss zur Offenlegung der politischen Biografie. Ich bin politisch sozialisiert worden mit den Debatten zum Bruch mit dem Stalinismus als System. Wir führten diese Debatten nicht für andere. Wir führten die Debatten um unserer selbst willen. Mir ist bis heute egal, wer meine Kritik an der DDR, wie ich sie zum Beispiel hier und hier oder hier formuliert habe, aufgreift, kritisiert oder lobt.  Und wenn ich diese Debatten nicht erlebt hätte, ich weiß nicht, ob ich heute nicht vielleicht (N)Ostalgikerin wäre.

Wenn ich den heutigen Kapitalismus kritisiere, wenn ich den Kapitalismus überwinden will, dann ist für mich klar: Die DDR, wie sie existierte, ist keine Alternative dazu. Juristisch ist DIE LINKE natürlich die Nachfolgerin der SED. So wie die SED juristisch gesehen Nachfolgerin der KPD war. Aber inhaltlich und materiell hat DIE LINKE heute nichts mehr mit der SED zu tun.  Im Oktober 1989 hatte die SED rund 2,3 Mio Mitglieder. Per 31.12.2013 hatte DIE LINKE 63.757 Mitglieder. 2012 waren es 63.761 und davon 23.392 in den alten Bundesländern. 82% der Mitglieder der Partei DIE LINKE waren 2012 älter als 41 Jahre. Das sind 52.281 Mitglieder, die potentiell Mitglieder in der SED gewesen sein könnten, aber nicht alle Mitglieder der SED waren. Ein Fraktionsverbot gibt es in der Satzung der Partei DIE LINKE nicht, vielmehr kann sich jede/r wie er/sie will „mit anderen Mitgliedern zum Zwecke gemeinsamer Einflussnahme in der Partei zu vereinigen“ (§ 4 Abs. 1 e. Bundessatzung) und eine Parteikontrollkommission gibt es zum Glück auch nicht. Irgendwelche Disziplinierungsmaßnahmen wie Rügen oder Funktionsverbote existieren nicht. Die Inhalte, welche DIE LINKE vertritt, unterscheiden sich deutlich von denen der SED (wenn ich das jetzt hier alles im Detail auseinandernehmen würde, dann wird der Blogbeitrag zu lang) und was das sog. Altvermögen angeht, steht alles wichtige in diesem Vergleich.

Geschehenes kann mensch nicht rückgängig machen. Aber es besteht die Möglichkeit sich damit auseinanderzusetzen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Die zentralen Schlussfolgerungen für mich lauten: Soziale Gerechtigkeit und Freiheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Keines von beidem hat abstrakt einen höheren Wert als das andere. Das eine ist ohne das andere nichts wert.

15 Gedanken zu „Als die Mauer fiel“

  1. Es muss ein ziemlicher Sprung sein, von der Auseinandersetzung mit den Fehlern (auch Verbrechen) der SozialistInnen und dem Sozialismus hin zu der Auseinandersetzung mit dem Fehler und dem Verbrechen des Kapitalismus.

    Ich stelle mir das schwierig vor. Dazu kommt: Für mich als westdeutschem Sozialisten war der Mauerfall ein starker persönlicher Einschnitt. Nicht weil der Sozialismus à la DDR so toll gewesen wäre. Wir wussten um seine (stark untertrieben) Mängel. Aber er war eben auch Raum, der dem Kapitalismus entrissen war, die Option einer Alternative, eine Herausforderung (und auch ein Versicherung für schlimmere Zeiten). Aber der Zusammenbruch hat mich nicht in ein anderes System geschleudert.

    Auch wenn ich denke, dass dem Aufarbeiten des Scheiterns des Sozialismus (und damit meine ich nicht das Finale 1989) auch die Gefahr innewohnt, in der Vergangenheit(sbewältigung) stecken zu bleiben, ohne Eure „selbstquälenden“ Debatten gäbe es heute keine LINKE. Und daher habt Ihr diese Debatten doch irgendwie auch für andere geführt.

  2. HJK Ist das ein Joke?
    @ Linksmann, ich mag Biermann auch nicht, aber er hat doch nicht seine Ausbürgerung beklagt, sondern der Linksfraktion die Leviten gelesen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Und der Herr Kittner, nun ja und noch mal nun ja…..,
    Wenn es so gewesen wäre, wie die rote Funzel aus Hannover behauptet, dann wüssten wir das heute.Die DDR-Regierung hätte sich diesen Brüller nicht entgehen lassen, schon um dem Aufruhr unter den Künstlern zu beenden, die DDR hätte wie eine eins dagestanden und alle Kritiker dumm dastehen lassen. Diese Chance hätten die sich also entgehen lassen? So dumm kann selbst das Politbüro nicht gewesen sein. Wie verzweifelt also muss Kittner ob des Falls der Mauer gewesen, um solchen Blödsinn von sich zu geben?
    Aber selbst wenn es so gewesen wäre: ändert das was an den historischen Tatsachen?

  3. @ Linksmann Nachtrag. Biermann selbst hätte natürlich im Wortsinne ausgespielt, wäre in der Versenkung verschwunden. Der hat doch von seiner Gegnerschaft zur SED gelebt, nicht von seinen musischen und literarischen Fähigkeiten

  4. @Linksmann Warum hat Gysi dies nicht im Bundestag „entlarvt“? Das wäre ein Schlachtfest geworden und Biermann wäre Schamrot aus dem Reichstag geschlichen.Hast du dafür eine Erklärung? Denk da mal in Ruhe drüber nach. Es ist und bleibt dummes Zeug, was Kittner, Havemann und du erzählen.

  5. Hallo Thomas Weigle,
    Gysi hat sich dafür entschieden, den Demagogen Biermann rechts liegen zu lassen.

  6. Ganz schwache Antwort. Das glaubst du doch selbst nicht. Gysi ist nun wirklich der Letzte, der sich einen solchen Brüller entgehen ließe. Und wenn nicht er, dann ein anderer aus der Fraktion. Oder das Querfrontblatt JW ……
    Es wäre mir und vielen anderen im Westen ein echtes Vergnügen gewesen, den Herrn B.schamrot aus dem Bundestag schleichen zu sehen. Nee, nee, es ist und bleibt dummes Zeug.
    Eine von denen, die Herrn Gysi durch den Reichstag gehetzt und bedrängt haben, zum ersten Mal übrigens seit 33, dass ein jüdischer Abgeordneter dort so angegangen worden ist, die jetzt darüber lamentieren, dass Halina u.v.a. sich gegen diese Ungeheuerlichkeit wehren, würde sich das bestimmt nicht entgehen lassen, zu Mal sie zusätzlich in dieser Sache Gysi zu Recht kritisieren könnten, weil er den Mund gehalten hat.

  7. Hallo Thomas Weigle,
    Gysi ist nicht Jude, sondern konfessionslos.
    Es gab schon mal eine Zeit, in der Deutsche bestimmten, wer Jude ist.
    Der Aufruf ist weitgehend wertlos, da zahlreiche Parteilose und Mitglieder konkurrierender Parteien bemüht wurden.
    Mittlerweile kam übrigens heraus, dass der Aufruf gar keine Basisinitiative ist, sondern aus Klaus Lederers Büro stammt.

  8. @linksman und @thomas weigle, ihr habt euch jetzt schon ganz schön weit vom eigentlichen beitrag entfernt. vielleicht führt ihr euren disput an anderer stelle weiter, denn es gilt die regel das die kommentare irgendwas mit dem ausgangsbeitrag zu tun haben sollen.

  9. @ Halina du hast natürlich recht, aber solchen, na ja…. ich bin heuer auch nur hier, weil ich grad mal wieder im nd vorbei geschaut habe. Viel Freunde hast du da ja nicht. Die Aufarbeitung und die Rente für die SED-Opfer…..

  10. @thomas weigle: ach so gepflegte „feindschaften“ sind auch was schönes… und mir ist die aufarbeitung und die rente für sed-opfer ein wichtiges anliegen, egal was meine „freunde“ sagen 🙂

  11. Dein Einsatz für die SED-Opfer angesichts des Widerstandes eines Teiles deiner Partei ist uneingeschränkt begrüßenswert. Dort, wo ich mal Mitglied war, wird Frau Höger gefeiert, die auch schon mal sitzen bleibt, wenn andere zum Gedenken an die Opfer der Mauer aufstehen.

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