Rechtsextremismus in Ostdeutschland

Ein wenig Aufmerksamkeit hat sie schon hervorgerufen, die Studie Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland der Bundesbeauftragten für die Neuen Bundesländer. Die Überschriften waren in der Tendenz eher so, als würde in der Studie stehen, dass allein die DDR die Ursache sei. So manche Erklärung zur Studie hat wohl eher auf die Überschriften denn auf die Studie selbst reagiert. Denn ein Blick in die Studie zeigt, diese sieht die Ursachen bei weitem nicht allein in der DDR, greift aber den Umstand auf, dass die DDR auch eine Ursache darstellt. Tut weh, ist aber so.

Bereits im Vorwort weisen die Autoren*innen darauf hin, dass das

Problem Rechtsextremismus von der Landesregierung (der sächsischen Landesregierung -H.W.) lange Zeit unterschätzt, wenn nicht gar ignoriert worden war. Ein Satz, der in diesem Zusammenhang immer wieder zitiert wird, ist die in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung (SZ) im Jahr 2000 geäußerte Bemerkung von Kurt Biedenkopf, die Sachsen hätten >sich als völlig immun erwiesen gegenüber rechtsradikalen Versuchungen<

Wenig später heißt es:

… dass es neben spezifisch ostdeutschen, mit der DDR-Vergangenheit zusammenhängenden Ursachen auch bedeutsame regionale Spezifika zu beachten gilt, die erst in der Summe ein Klima bereiten, in dem Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gedeihen können„.

Schon auf den ersten Seiten wird also deutlich, die Studie behauptet nicht, die DDR-Vergangenheit sei allein Schuld an Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Dass die DDR aber auch eine Ursache für rechtsextremistische und fremdenfeindliche Einstellungen ist, dürfte aber m.E. auf der Hand liegen.

Nun mag eingewendet werden, Freital und Heidenau stünden ebensowenig für den Osten wie Erfurt-Herrenberg. Das sind die Orte, die für die Studie untersucht wurden. Die Aussage ist sicherlich richtig, trägt aber den Keim der Relativierung in sich. Natürlich ist der Osten mehr als diese zwei Städte und der eine Stadtteil. Die erste Frage ist doch aber, ob es im Westen vergleichbare Städte/Stadtteile gibt? Ich kann die Frage nicht beanworten. Die zweite Frage finde ich aber viel spannender: Selbst wenn es im Westen auch solche Städte oder Stadtteile gibt: Macht das irgendwas besser?

In der Studie selbst wird auf S. 14 eine Definition von Rechtsextremismus vorgenommen, die ich sehr akzeptabel finde, um das Problem zu beschreiben. Es wird von Rechtsextremismus als einer „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ gesprochen, von Einstellungsmustern, deren „verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen“ und die  sich aus den „Items Nationalismus, Ethnozentrismus, Sozialdarwinismus, Antisemitismus, Pro Nazismus, Befürwortung einer Diktatur und Sexismus“ zusammensetzen. Ganz am Rande sei noch erwähnt, dass sich in diesem Teil der Studie auch eine Kritik an der Extremismustheorie von Jesse findet.

Unter Verweis auf frühere Studien wird sich ab Seite 21 mit der Frage beschäftigt, ob es einen Sonderfall Ost gibt. Ich sage da „ja“ und finde das weder überraschend noch neu. Mit Luise Neuhaus-Wartenberg habe ich mich hier ja schon mal mit der Frage beschäftigt, woher die Anfälligkeit des Ostens für autoritäre Lösungen kommt. Wir schrieben damals u.a.:

Die Wähler*innen im Osten, die älter als 45 Jahre sind, haben die DDR noch aktiv erlebt. Sie sind in ihr aufgewachsen und wurden durch sie sozialisiert und nachhaltig geprägt. Sie wuchsen in autoritären und vor allem nicht demokratischen Strukturen, einer bisweilen sehr kleinbürgerlichen Gesellschaft auf. Ein Erlernen und Erfahren von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit war schwer möglich. (…) Durch die äußere Abgeschlossenheit der DDR war internationale Solidarität in der Praxis für Viele eher eine Losung denn praktisches Erleben. Das Entwickeln eigener Standpunkte wurde nicht gefördert, häufig sehr repressiv unterbunden und Meinungspluralismus nicht toleriert. Dadurch und aufgrund fehlender Pressefreiheit wurden offene gesellschaftliche Debatten nicht geführt. Das Fehlen von Gewaltenteilung führte zu Willkür und Obrigkeitsdenken.

Bevor der spezielle Abschnitt zur DDR anfängt, findet relativ ausführlich eine Auseinandersetzung mit verschiedenen vorhergehenden Studien statt. Es wird darauf verweisen, dass Befragte in Ostdeutschland deutlich fremdenfeindlicher eingestellt sind als  Befragte in Westdeutschland und es eine „Symptomatik spezifisch ostdeutscher Fremdenfeindlichkeit“ gibt. Fremdenfeindlichkeit sei im Osten höher, Antisemitismus im Westen, Ostdeutsche wiederum seien weniger bereit den Nationalsozialismus zu verharmlosen. Explizit wird darauf verwiesen, dass rechtsextremistische Einstellungen zwischen 2014 und 2016 im Westen stärker gestiegen sind als im Osten. Das Gefühl (wichtig ist hier das Wort „Gefühl“) der kollektiven Benachteiligung Ostdeutscher soll antidemokratische und rechtsextreme Einstellungen befördert haben. Letztendlich, so die Studie werde in Bezug auf Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland zwischen der „Sozialisationsthese“ und der „Situationsthese“ unterschieden.  Erstere stellt auf die Sozialisation in der DDR ab, zweitere auf die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Ostens. Die Autoren*innen der Studie kritisieren dieses „in der Extremismusforschung verbreitete Ausschließlichkeitsdenken“ und sagen, m.E. völlig zu Recht, beide Perspektiven schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.

Besonders empfehlenswert ist der Exkurs: Rassismus und Nationalismus in der DDR ab Seite 32. Wem es bis dahin noch nicht klar war, dem wird es hier deutlich vor Augen geführt: Die DDR war durch und durch von Nützlichkeitserwägungen geprägt. Nicht nur in Bezug auf Vertragsarbeiter*innen. Diesem Nützlichkeitsaspekt wurde fast alles untergeordnet. Es ist deshalb aus meiner Sicht ein viel weiterer Weg von der SED zur PDS/LINKE und emanzipatorischer Politik, als der Weg von SED zu CDU oder gar rechtsextremistischen und autoritären Strukturen. Für letzteren Weg musste man sich wenig bis gar nicht verändern. Aber zurück zur Studie. Es wird auf den Gründungsmythos des Antifaschismus verwiesen, der auf der einen Seite integrierend auf breite Teile der ostdeutschen Bevölkerung wirkte, auf der anderen Seite aber auch die Bezugnahmen auf die Nation rettete. Im Detail wird in diesem Exkurs zum Beispiel auf 8.600 offiziell dokumentierte rassistische oder antisemtische Propaganda- oder Gewalttaten in der DDR verwiesen. Und auf die Existenz von rechtsextremen Strukturen in der NVA und der Volkspolizei in den 50er Jahren. Es gab in den 70er Jahren eine Zunahme rassistischer Gewalt, vorwiegend über Hooligangruppen bei Fußballspielen. Auf die Entstehung der Skinszene in den 80er Jahren wird ebenso verwiesen wie auf die Rekurrierung eines Teils der Nachwende rechten Szene aus vormaligen Funktionären (Stichwort: Dienel). Für den Blog zu weit führend, dennoch interessant sind die Ausführungen zum (anfänglichen) Antiamerikanismus. Dass es in der DDR eine politische Kultur gab, die mit der offiziellen Verlautbarung der sog. Völkerverständigung wenig zu tun hatte, wird deutlich -nicht unbedingt neu aber immer wieder erschreckend- ausgeführt:

Die latente ethnonationale und fremdenfeindliche politische Kultur der DDR lässt sich anhand der gesellschaftlichen Situation und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit AusländerInnen bzw. ausländischen VertragsarbeiterInnen exemplifizieren (…). Ende 1989 lebten 191.000 AusländerInnen in der DDR; davon hatten 40.000 als EhepartnerInnen von DDR- BürgerInnen oder als anerkannte Flüchtlinge aus ehemals realsozialistisch orientierten Staaten, die wie Chile einen kapitalistischen Regimewechsel vollzogen hatten, dort einen festen Wohnsitz. Etwa die gleiche Menge bildeten Studierende und Auszubildende, die meist nicht länger als ein Jahr in der DDR verbrachten. Die große Mehrheit stellten jedoch die 90.500 VertragsarbeiterInnen, die in größerem Umfang in den 1970er/80er Jahren im Rahmen bilateraler Abkommen mit den Regierungen Polens, Bulgariens, Ungarns, Algeriens, Kubas, Mosambiks und Vietnams in die DDR gekommen waren (…). Neben Karl-Marx-Stadt, Berlin, Leipzig und Halle war der Bezirk Dresden aufgrund seines hohen Industrieanteils einer der fünf Bezirke, in denen die Mehrheit der AusländerInnen lebte (…).n Die Befristung der Aufenthaltsgenehmigungen betrug meist vier bis fünf Jahre; der Aufenthalt erfolgte ohne Familienangehörige, Ehepaare hatten keinen Rechtsanspruch auf gemeinsame Unterbringung. Bei Rechtsverstößen oder Abweichungen von der >sozialistischen Arbeitsdisziplin<, aber auch bei längerer Krankheit oder Schwangerschaft wurde der Arbeitsvertrag vorzeitig beendet (…). Frauen wurden bei Schwangerschaft in ihre Heimatländer zurückgeschickt, es gab separate kollektive Unterbringungen mit Standards unterhalb des DDR-Niveaus und repressiven Heimordnungen sowie harte Arbeitszeiten (…).“
Eine linke, emanzipatorische, sozialistische Gesellschaft sieht anders aus. Das, was hier geschrieben steht, ist eher etwas für autoritäre, auf Homogenitiät setzende Politikansätze. Manchmal könnte mann/frau glatt glauben, der Innenminister hat bei so manchem heutigen Vorschlag von der DDR abgeschrieben.
Die Differenziertheit der Studie wird deutlich im Abschnitt zu Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Freital und Heidenau (ab S. 85). Dort heißt es u.a., dass der hohe Anteil an rechtsextremen Straftaten, hohe Wahlerfolge für rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien aber auch Mobilisierungserfolge für Pegida und andere von den Autoren*innen als

als Symptome der Entpolitisierung, die eine Folge (bzw. wiederum ein Begleitsymptom) des in vielerlei Hinsicht defizitären Demokratisierungsprozesses im Freistaat Sachsen nach der Wende 1989/90

interpretiert wird. Gesprächspartner*innen verwiesen auch auf die Dominanz der CDU in Sachsen, die zur Entpolitisierung beitrage. Gleichfalls wird die Behinderung der Arbeit zivilgesellschaftlicher Strukturen durch die säsische Staatsregierung kritisiert, Stichwort hier: Extremismusklausel. Interessant auch, dass in Sachsen 58% der Befragten finden, die Bundesrepublik werde durch zuviel Ausländer überfremdet. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt, auch über dem ostdeutschen Durchschnitt. In Bezug auf Erfurt-Herrenberg wird auf die „Kümmerarbeit“ von rechtsextremen Strukturen und gesetzte Anlaufpunkte durch eine eigene Immobilie verwiesen. Schließlich finden sich auch bekannte Erklärungsmuster bei den Ursachen: Enttäuschung durch Wendeerfahrung, fehlende/gering vorhandene Zivilgesellschaft, wenig/keine Erfahrung mit Nichtdeutschen auch in der DDR. Wem das alles zu lang ist, der/die kann auch einfach das Fazit ab S. 191 lesen. Auch dort wird aber nicht von dem Faktor DDR für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit geredet, sondern völlig zu Recht formuliert:
Überhaupt kann die Sozialisation in einer buchstäblich geschlossenen Gesellschaft wie der DDR als ein Faktor für die Erklärung nicht nur des höheren Maßes an Fremdenfeindlichkeit, sondern auch der größeren Verbreitung autoritärer Einstellungsmuster in Ostdeutschland nicht stark genug betont werden„.
Ich finde die Studie für die politische Auseinandersetzung und Arbeit ausgepsprochen hilfreich. Sie zwingt erneut, sich mit der DDR auseinanderzusetzen und festigt dabei die (auch meine) Auffassung, dass die DDR keine Alternative für linke, emanzipatorische Politik sein kann. Sie zwingt aber auch, bei aller berechtigter Kritik an der Demokratie sich ganz genau zu überlegen, wie diese formuliert und vorgetragen wird. Schließlich aber wird in der Studie auch auf einen neuen Aspekt hingewiesen: Angst vor Modernisierung, die zu Unsicherheit führt. Kann nicht auch diese einen Beitrag zur Suche nach autoritären und ausgrenzenden Lösungen sein? Wenn es übrigens ein Skandalisierungspotential in der Studie gibt, dann ist es das Verhalten der Stadtverwaltung Freital. Diese erschwerte nicht nur die Arbeit an der Studie, sondern untersagte auch ein beabsichtigtes Konzert der Initiative „Laut gegen Nazis„.
Als letztes will ich auf meinen Lieblingssatz aus der Studie hinweisen. Einfach weil er meine Skepsis gegenüber Populismus so gut auf den Punkt bringt:
Der Populismus trägt somit nur vordergründig zur Politisierung bei, indem er eine antagonistische Bruchlinie zwischen >denen< (AusländerInnen, korrupte Eliten) und >uns< (dem >reinen<, hart arbeitenden Volk) zieht; aber genau diese Vorstellung von einem homogenen Volkskörper, der die Existenz anderer sozialer und politischer Konfliktlinien zum Verschwinden bringt, führt dort, wo diese Fiktion an den Erfahrungen in der Wirklichkeit scheitert, zu erneuten Frustrationen, neuen Entpolitisierungsschüben.“
 Word!

21 Gedanken zu „Rechtsextremismus in Ostdeutschland“

  1. Doch warum wird in dieser „Studie“ so auf die Vergangenheit der Ostdeutschen fokussiert? Warum ignoriert man Faktoren der Gegenwart, wie
    -die höhere Arbeitslosenrate,
    -die höhere Armutsgefährdung,
    -die niedrigere Geburtenrate und
    -die Abwanderung der Jugend ergo Überalterung der Gesellschaft?
    Die jungen Menschen überall in Deutschland sind weltoffener und toleranter, weil sie in einer anderen Zeit (!, nicht Ort) sozialisiert wurden.
    Dass die Studie tendenziös ist, lässt sich meiner Ansicht nach nicht von der Hand weisen. Ich würde nur allzugern wissen, was vom „Einfluss“ der DDR-Vergangenheit übrig bliebe, würde man die obigen Faktoren kontrollieren.

  2. genau das passiert doch nicht. im blogbeitrag schreibe ich, dass auf viel mehr ursachen in der studie hingewiesen wird.

  3. Danke für die Zusammenfassung und Kommentierung der Studie! Dass eine offene Gesellschaft vor allem Angst-Bindung voraussetzt, wird für mich wieder bestätigt. Insofern wäre interessant, ob die staatliche Frühbetreuung nicht doch ein emotionales Schutzbedürfnis vor dem Anderen und Fremden erzeugt hat, das die Grundlage für Xenophobie usw. ist. Der Wiener Religionssoziologe Paul Zulehner hat dies im europäischen Rahmen diagnostiziert: https://m.youtube.com/watch?v=RFydYj31yf0 v.a. Min. 53…

  4. Die staatliche Frühbetreuung war es bestimmt nicht, zumal sie höchst selten staatlich war. Die meisten Kindergärten waren betriebliche Einrichtungen und gehörten strukturell zu Kombinaten, Hochschulen, der Post oder der Bahn usw., genau wie zum Teil Kulturhäuser oder Sportstätten (einschließlich ganzer Klubs, wie Carl-Zeiss-Jena, Hansa Rostock, Energie Cottbus usw.). Sie waren für die allesamt Berufstätigen Frauen (und Männer) unverzichtbar und es gibt eine ähnliche Kultur der kollektiven Frühbetreuung in Frankreich, Belgien oder Skandinavien, die nie zu Entdemokratisierungserklärubgen herangezogen wird.
    Die Entdemokratisierung begann nicht auf dem Töpfchen, sondern in der Schule, mit Staatsbürgerkunde und politischen Pflichtorganisationen wie Jungpioniere und FDJ. Die fehlende Verwaltungsgerichtsbarkeit, die Diktatur einer Partei, trotz Mehrparteiensystem innerhalb des Staatsaufbaus samt ihrer eigenen abgängigen Medienwelt tat ihr Übriges. In Kunst, Rockmusik und Film, der SED-Basis, in Betrieben und der Kirche gab es zwar konfliktreiche Widerspruchsstrukturen, doch sie waren entweder geduldete Opposition (Ventil) oder die Konflikte und Risse gingen durch die Personen hindurch, der Hinze-Kunze-Roman von Volker Braun und seine ganze Verbots- und Zulassungesgeschichte innerhalb der Buch (und Film)-Zensur erzählen dies zum Beispiel ziemlich deutlich. Es gibt auch Untersuchungen vom Jugenkulturarchiv in (West)Berlin, dass erst das Zusammenspiel der latent rechtsextremen „entsicherten Ostszenen“ in den frühen 90ern mit den Naziparteistrukturen aus dem Westen, die sich in diese deindustrialisierten Räume (MV, Sachsen-Land) mit hoher Abwanderung vor allem von jungen Frauen, erfolgreich eingravierten, zu diesem verfestigten Gemisch aus rechtsextremen Einstellungen und Handlungsräumen führte. Sachsen tat politisch mit König Kurt an der Spitze noch einiges dazu, an Ignoranz oder Verniedlichung der Szenen auf Jugendkulturen, was sichtlich Blödsinn war.
    Was Halina aus der Studie festhält und auch weiter untersucht und festgehalten werden muss, ist trotzdem oft schon ausdiskutiert worden, noch entfacht von Jesse & Co, die allerdings nicht mal Pegida oder ähnlich vorhersehen konnten.

  5. Mir hat an der Studie trotzdem irgendwie die nötige Distanz zu den eigenen Annahmen/Thesen gefehlt. An verschiedenen Stellen hatte ich den Eindruck, dass da durchaus bekannte Vorbehalte/negative Stereotypen gegenüber der DDR bzw. ‚Ossis‘ bestätigt werden oder werden sollten. Die oben angesprochenen Nützlichkeitsabwägungen gab’s ja nicht nur im Osten, was zur Frage hätte Anlass geben können, was dann an den Nützlichkeitsabwägungen besonders ‚östlich‘ sei.

    Ähnlich sehe ich es bzgl. des Arguments, Neonazismus wäre damals in der DDR doch eher eine Protesthaltung gewesen. Klar, es gab offenbar Neonazi-Netzwerke oder zumindest Kreise. Damit aber das Argument so einfach vom Tisch zu wischen, fand‘ ich nicht sonderlich überzeugend. Ich schreibe das nicht, weil ich das verharmlosen oder relativieren will. Nur haben wir dort auch eine gewaltbereite Hooligan-Szene gehabt. Und mein Eindruck ist, dass etwas mehr Differenzierung vielleicht die einen oder anderen Erklärungen ermöglicht, wo in der Studie an verschiedenen Stellen der Eindruck entsteht, das Rechts-Problem auf eine gewisse Kontinuität im neonazistischen Denken zurückführen zu wollen. Mir scheint das in der Studie stellenweise jedenfalls eher auf einfache Binärkategorien hinauszulaufen, statt auch die entsprechendne Grautöne zuzulassen.

    Eine kritische Distanz fehlt mir auch zum gegenwärtigen System. ‚Westdeutsche‘ mögen z.B. das, was am Jahrestag der Wiedervereinigung 2017 in Dresden passierte, als Geringschätzung der Demokratie erlebt haben. Wenn ich mir aber das Bild anschaue, wie abgeschirmt die Politik-Prominenz den Tag in der Frauenkirche beging, wo das ‚Wir‘ und ‚die‘ administrativ getrennt wurden, dann kann ich mir schon vorstellen, dass manche Ostdeutsche das als Manifestation der Entfremdung der Politik von den Bürgern wahrgenommen haben. (Ähnlich wie damals die DDR-Regierungsriege noch den 40. Jahrestag feierte.) Eine kritische Reflexion solcher Symbolwirkungen scheint mir in der Studie zu fehlen.

    Ebenso fehlt mir die kritische Reflexion bzgl. anti-russischer und anti-kommunistischer Haltungungen. Ersteres wäre auch mal sehr spannend gewesen mit Blick darauf, die einen oder anderen Verklärungen auch seitens ehemaliger DDR-BürgerInnen aufzuarbeiten (z.B. dahingehend, dass nicht alle den ‚Bruderländern‘ so offen gegenüberstanden, wie’s Staatsprogramm war) . Zweiteres ist mE notwendig, um zu verstehen, warum seitens Sächsischer Regierung viel BürgerInnen-Engagement im alternativen Bereich zumindest nicht gefördert (mE eher sogar behindert) wurde und wird.

    Gut finde ich, dass die Rolle der CDU eingegangen wird. Für verfehlt halte ich es nämlich, vom ‚Ost-Problem‘ auszugehen, weil mE zB die Situation in Sachsen eine andere ist als zB in Brandenburg. Zu beachten wäre ja, dass gerade in Sachsen das rechte Auge mehr als blind ist, sich die CDU seit der Wende in Regierungsverantwortung befindet und an sich eigentlich auch nicht sonderlich viel um’s Grundgesetz schert (Stichwort Massenüberwachung von Handies, Sachsensumpf und JournalistInnen-Einschüchterung, Extremismus-Klausel). Ich würde hier sogar soweit gehen, dass es eine Art ‚doppelten West-Import‘ gab, der Rechtsextremismus förderte: Einmal konkret Rechtsextreme, zum anderen aber die politischen Konservativen wie Biedekopf, die ein entsprechendes konservatives Klima schafften, in dem jegliche Andersartigkeit als ‚alternativ‘ und ‚links‘ deklariert, jegliche Anbandlung mit ‚rechts‘ verharmlost bis verleugnet wurde.

    Die Rolle der Geheimdienste wird in der Studie leider auch nur ‚in Dritter Person‘ (als Annahme, geäußert von einem Interviewten) beleuchtet. Offen gestanden hätte ich mir unter einer modernen auch soziologischen Studie auch mal eine Netzwerkanalyse dazu gewünscht. Als ob es NSU u.ä. ohne Pannen gegeben hätte. Zeitgleich gab’s ja diese Woche noch einen anderen Skandal, Stichwort Blood & Honour. Mir ist unverständlich, weshalb das kaum eine Rolle spielt. Ich meine, wenn das sauber-soziologisch aufgearbeitet würde, muss sich ja auch niemand ins Fahrwasser von Verschwörungstheorien begeben. Dass hier aber seitens ‚Dienste‘ gehörig etwas schief gelaufen ist, scheint mir bzgl. der Entwicklung des Rechtsextremismus im Osten doch zumindest ein Aspekt, der nicht so einfach unter den Tisch gekehrt werden sollte (ich erinnere nur an die angeblichen Zahlungen an V-Leute in Thüringen).

  6. „Das Entwickeln eigener Standpunkte wurde nicht gefördert, häufig sehr repressiv unterbunden und Meinungspluralismus nicht toleriert.“

    Ja, so war das im Osten und ich habe Angst, dass wir da wieder hinkommen. Wir, die guten pluralen staatstreuen Demokraten, sie die intoleranten Ostdeutschen, auch mal mit der Lingua tertii imperii als „Pack“ bezeichnet. Wie sagten die Demonstranten 1989 in Leipzig gegenüber den Machthabern der SED: „Wir sind nicht Rowdies, wir sind das Volk“.

  7. ich will nur auf zwei sachen eingehen. die studie beschäftigt sich explizit mit rechtsextremismus und fremdenfeindlichkeit in ostdeutschland, insofern kann sie einen teil der von ihnen angesprochenen bedürfnisse nicht befriedigen.
    das andere ist folgendes. sie schreiben: „Die oben angesprochenen Nützlichkeitsabwägungen gab’s ja nicht nur im Osten, was zur Frage hätte Anlass geben können, was dann an den Nützlichkeitsabwägungen besonders ‚östlich‘ sei.“ die nützlichkeitserwägungen kommen in der studie so gar nicht vor. das war meine einschätzung und schlussfolgerung. und diese habe ich explizit so gezogen, damit klar wird, dass für demokratische sozialisten*innen die ddr kein vorbild sein kann.

  8. nun wurden allerdings nicht die ostdeutschen als „pack“ bezeichnet, sondern teinehmer*innen der pegida-demonstrationen. ob die wortwahl die richtige war, darüber kann gestritten werden. im kern finde ich aber schon, dass es zur aufgabe von demokraten*innen gehört den teilnehmer*innen solcher demonstrationen ziemnlich deutlich zu sagen, dass ihre meinung nicht geteilt wird. ich halte die teilnehmer*innen solcher demonstrationen tendenziell sogar für demokratiefeindlich.

  9. Sorry. Ich komme noch einmal hierauf zurück. Ja, sowas zu lesen tut weh, denn es ist mitnichten der Fall. Weder gehörte Bayern zur DDR, noch wurden die Franzosen, die Niederländer oder Österreicher nach ’45 totalitär regiert. Weshalb also entstanden die Republikaner, die DVU und NPD gerade in Bayern? Weshalb die Ausschreitungen in den französischen Banlieues? Weshalb der Wählerzulauf zu Wilders und LePen?

    Wenn Sie mögen, lesen Sie den ersten periodischen Sicherheitsbericht (für Eilige: S. 21 ff.) des BMI und BMJ aus 2001. (http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Veroeffentlichungen/erster_periodischer_sicherheitsbericht_langfassung_de.html?nn=3356948)

    Ferner stelle ich anheim, sich auf der Seite des Historischen Lexikons Bayern zum Thema Rechtsextremismus in Bayern zu belesen. (https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rechtsextremismus#Bayern_als_Ursprungsort_rechtsextremer_Parteien_nach_1945; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rechtsextremismus#Ausblick !!)

    Die Ursachen für vermehrt fremdenfeindliche Einstellungen waren also längst bekannt und haben nichts mit einer Sozialisation in der DDR zu tun. Vielmehr scheinen die Auftraggeber der Studie der Öffentlichkeit „alternative Fakten“ präsentieren zu wollen zur Demografie im und Abwanderung v.a. junger Frauen aus dem Osten, zur höheren Arbeitslosenquote, zu den Einkommensunterschieden, höheren Quote prekärer Arbeitsverhältnisse etc. .. Sogar die Lebenserwartung ostdeutscher Männer liegt durchschnittlich 1 Jahr niedriger als die der westlichen Geschlechtsgenossen (Zensus). Die offensichtlichen Gründe sind sämtlichst unter ferner liefen gelistet („Arbeitslosigkeit“ wurde ein ganzes Mal im Abschlussbericht in einem Nebensatz erwähnt).

    Wahrscheinlich ist es schlicht Symbolpolitik, deretwegen eine explorative Datenerhebung zu längst bekannten Zusammenhängen beauftragt und die aufbereiteten Antworten und Presseartikel ohne inferenzstatistische Überprüfung als „Studienergebnisse“ verkauft werden. Bitte nicht als Ostdeutsche, schon gar nicht als Linken-Politikerin solch einen Schmarrn auch noch gutheißen.

  10. wir haben halt einen dissens. 1) naturlich gab und gibt es rechtsextreme parteien und unterstützer*innen auch im westen. tatsächlich hatten diese aber nie eine solch breite basis wie im osten. 2) das argument mit der arbeitslosigkeit höre ich häufiger. es überzeugt mich aber nicht. die zwangsläufigkeit arbeitslos = besonders anfällig für rechtsextremismus bedeutet am ende, menschen von der eigenen verantwortung für ihr handeln und denken frei zu sprechen. es ist aber immer noch eine höchst individuelle entscheidung, ob ich mich aufgrund der persönlichen situation gegen oben oder gegen unten wehre. ob ich also aktiv werde um die verursacher von arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder ob ich mich gegen minderheiten wende.

  11. Aus Ihrer Antwort schließe ich, dass Sie die Links nicht gelesen haben.

    Es geht mitnichten darum, jemandem eigene Verantwortlichkeit abzusprechen. Es geht um Tendenzen auf Populationsebene, Anteile von persönlichkeitsgestörten Menschen in Populationen. Es geht um die notwendige soziale und wirtschaftliche Schieflage, damit Tendenz zur Weltoffenheit einem tendenziellen Konkurrenzdenken weicht (auf Populationsebene). Gehen Sie davon aus, dass in Westdeutschland bei vertauschten wirtschaftlichen und sozialen Rollen solch ein Rechtsruck nicht stattfände? (rhetorische Frage)

  12. So.. Endlich weiß ich auszudrücken, was mir die ganze Zeit auf der Zunge lag:

    „Besorgten“ Mitbürgern wird (berechtigt) Diskriminierung und Vorurteilsbelastung vorgeworfen, wenn sie behaupten, muslimische Mitbürger seien (kulturell bedingt) krimineller als „wir Deutschen“. Völlig zu Recht wird ihnen entgegengehalten, dass bei Kontrolle von sozioökonomischem Status und relativem Anteil junger Männer die Quoten gleich sind.
    Völlig zu Recht entgegnet man, dass von einer kleinen Gruppe fehlgeleiteter Muslime nicht auf das gros rechtschaffener Mitmenschen generalisiert werden darf.

    Wird das den eigenen Brüdern und Schwestern zugebilligt? Nöö. Vorab den Einfluss von bekannten Faktoren auf Kriminalitätsbelastung und Fremdenfeindlichkeit kontrolliert? Nöö. Selbstverständlich muss es bei uns DDR-Sozialisierten an unserer Kultur liegen. Diskriminierung.
    Wenn zwischen uns beiden ein Dissens besteht, ob manche Gruppe diskriminiert werden darf, dann sei es drum.

    Ich habe nur noch 4 Jahre der DDR miterlebt, doch weder ich, noch meine 9 und 10 Jahre älteren Brüder, noch meine Eltern waren/sind kulturfremden Menschen gegenüber feindlich eingestellt. So einiges, was in der Studie als historischer „Fakt“ aufgeführt ist, hat meine Familie anders erlebt. Mag es in Sachsen so gewesen sein… kann ich nicht beurteilen. Keiner von uns hatte je mangelnde Geschichtskenntnisse, schon gar nicht über die Shoa. Keiner von uns fühlt sich in autoritären Strukturen geborgen. Wohl eine Singulärität. Beim nächsten Familiengeburtstag werde ich dem <80-jährigen Rest der Sippschaft mal auf den Zahn fühlen, um den großen Anteil autoritätsaffiner Neonazis unter uns aufzudecken. Wie siehts in Ihrer Familie aus? (rhetorische Frage)
    Spam zuende.
    Schöne Woche noch.

  13. ich glaube, es liegt ein missverständnis vor. wenn ich von größerer anfälligkeit ddr-sozialiserter (sie dürften da ob ihres alters nicht drunter fallen) rede, heißt das ja nicht „alle“. es liegt ja auch an jedem/jeder selbst, was er oder sie aus der erfahrung macht. und ja, in meiner familie gibt es durchaus das eine oder andere artikulierte vorurteil gegenüber geflüchteten.

  14. Ich nicht..* Weil Einstellungen von Familie/sozialem Umfeld keinen großen Einfluss auf die Sozialisation haben, hörte der DDR-Einfluss in 11/90 auf? Wo mag die Grenze genau verlaufen? Betrifft es nur ’45 – ’85 Geborene? Wurden die Brandanschläge von mind. 32- bis max. 72-Jährigen begangen? Und wie wenige Normabweichler aus den Geburtskohorten ab ’45 demonstrierten friedlich gegen die eigene Regierung?

    Wer frei von Vorurteilen ist, werfe den ersten..

    Die ganze Menschheit leidet an Vorurteilen. Männer & Frauen übereinander, Atheisten & Religiöse, Berufs-, Altersgruppen übereinander, Menschen gegenüber der eigenen Spezies. Dass Sie von Ressentiments mancher Familienmitglieder gegenüber Zuwanderern wissen, lässt noch keinen Schluss (auf den Populationsschnitt und schon gar nicht) auf sozialpolitische Ursachen zwischen ’49 und ’89 zu.

    Es geht Ihnen selbst nicht darum, welche Entscheidung der Einzelne trifft/treffen könnte.

    Denn Sie stimmen ja gerade der Aussage der „Studie“ („Politik wirkte negativ auf Population“) zu. Gegenstand der „Studie“ ist nicht die Frage, über welch komplexes Kausalgefüge Einzelentscheidungen zustande kamen (schön wär’s), sondern die nach ursächlichen Gruppenunterschieden. Validere Infos als das vom GöID präsentierte Windei hätte wenigstens noch die inferenzstatistische Prüfung der gesammelten Hypothesen(!) geliefert. Wie brauchbar können die schon sein, wenn ein liberales und buntes Land wie die USA gesättigt ist von Rassisten, Rechtsextremen wie McVeigh und Dylann Roof, der Alt-Right-Bewegung und Selbstverwaltern/US-Reichsbürgern?

    Schlechter Analogiescherz: Der PKS 2015 zufolge scheinen die Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalener zu potentiellen Anarchisten sozialisiert zu werden, denen Mord und Totschlag häufiger als probate Mittel der Problemlösung gelten. Liegts an der Landespolitik? (https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2015/InteraktiveKarten/03MordTotschlagToetungAufVerlangen/03_MordTotschlagToetungAufVerlangen_node.html)

    *Aber sowas von!

  15. der verweis auf die familie war die antwort auf eine konkrete frage. ansonsten sehe ich schon, sie beharren auf ihrer position und ich auf meiner. so ist das manchmal im leben.

  16. Habe den Verweis auch als Antwort aufgefasst.
    Beharre auf keinem Standpunkt. Das mit den unabänderlichen Standpunkten ist nämlich so ’ne Sache… Gingen Sie wenigstens mal auf meine Einwände ein… Bekam bisher nur ein pauschales ‚Nöö. Dissens.‘ und den Verweis auf Familienmitglieder als Rückmeldung. Wenn Sie überzeugt sind, hatte ich angenommen, hätten Sie den Einwänden sicher was entgegenzusetzen*.
    Auf Tatsachenfindung* beharrend
    und auf differenzierte Betrachtung,
    J.

  17. nun habe ich allerdings am 13.06. etwas mehr geschrieben, als nur einen verweis auf die familie. auch am 08.06. habe ich argumentiert. und auch auf ihren kommentar vom 20.05. erhielten sie eine antwort. mag sein, ihnen reicht das nicht aus. dann ist das halt so. das sie aber bisher lediglich ein pauschales „nö“ erhalten hätten, stimmt nicht. und das wissen sie. wenn das ihr diskussionsstil ist, dann endet die diskussion hier.

  18. Ich bezog mich aufs Studienthema (Ursachen für höhere FF und RE in OstDE). Den Kommentar vom 08.06. habe ich nun wiederentdeckt. 🙂 Dem dortigen Punkt 1) widersprechen schon die Wahlergebnisse von 90/91 (http://www.wahlrecht.de). Punkt 2) war der Schwenk von „DDR-Sozialisation hatte sicher globalen Einfluss auf Fremdenfeindlichkeit“ zu „Arbeitslosigkeit als globaler Einfluss ist nicht akzeptabel, weil globaler Einfluss den Menschen die eigene Verantwortlichkeit abspricht“. Das erscheint Ihnen nicht widersprüchlich/inkonsistent? Am 08.06. jedenfalls zum Thema Ihre letzte Stellungnahme. Vielleicht sind wir uns bloß nicht grün. Ok, ich trolle mich.

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