Blog von Halina Wawzyniak

Traurig

… trifft es nicht ganz, kommt aber meinem Gemütszustand ziemlich Nahe. Dietmar Bartsch wird nicht wieder als Bundesgeschäftsführer auf dem Parteitag in Rostock antreten. Ich kann das nach den letzten Wochen nachvollziehen und finde, dass es sich um eine große Geste gegenüber der Partei handelt. Dietmar hat keine inhaltlichen Debatten verhindert, die Debatte um seine Person hat sie verhindert. Auch wenn es ungerecht ist, er hat jetzt den Weg frei gemacht um endlich in die inhaltliche Debatte einzutreten, die Tigerente anzugreifen. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass er loyal gegenüber der Partei ist -diese Beweises bedurfte es aber tatsächlich nicht- dann ist es diese Erklärung. Danke für die Arbeit, Dietmar.

Worauf es jetzt ankommt ist, dass der Vorstand als gewähltes Gremium sich selbst verpflichtet Politik zu entwickeln und den Parteitag im Mai vorbereitet – auch personell. Der Vorstand und nicht sich selbst zusammenfindende Gremien. Allerdings sollten wir uns dringend davor hüten, jetzt öffentlich weitere Personaldebatten zu führen oder Personennamen öffentlich zu handeln. Bis Mai ist genügend Zeit in Ruhe und Sachlichkeit eine/n Nachfolger zu finden. Das wird nicht einfach, weil Dietmars Schuhe sind ziemlich groß.

Darüber hinaus steht eine Strategiedebatte an: Wollen wir die nächsten Jahre vor allem auf die SPD und die Grünen dahingehend reagieren, dass sie in den vergangenen Jahren sehr, sehr viel Unsinn gemacht haben oder sollen wir in Kenntnis ihrer Fehler und bei Wahrung der Eigenständigkeit der LINKEN mit ihnen versuchen eine gesellschaftliche Alternative zu Schwarz-Gelb zu entwickeln. (Und für alle Schlaumeier: hier steht gesellschaftliche Alternative, ohne gesellschaftliche Unterstützung für Projekte ist auch Parlamentarische Aktivität sinnlos). Ich stehe klar für den letzteren Kurs.

Hier ist die LINKE

29 Kommentare

  1. Lass die „Tigerente“ besser mal im Kinderzimmerschrank, wo sie eine sympatische Figur ist, wie ich meine. Die gelb-schwarzen haben nichts Sympatisches, da ist nichts zu verniedlichen. Ich denke es ist eher eine Wespe.

  2. Werte Frau Wawzyniak,

    ich wünsche ihnen viel Erfolg dabei mit der SPD und den Grünen gemeinsam eine „gesellschaftliche Alternative“ zu schwarz gelb zu finden. Dass sie da einige Gemeinsamkeiten sehen überrascht nicht.

    Glücklicherweise sehen sehr viele Mitglieder, für die Sozialismus mehr als nur noch eine schöne Begrifflichkeit ist, diese Notwendigkeit nicht. Denn zwischen „Rot/Grün“ und „schwarz-gelb“ gibt es keinen großen Unterschied. Beide machen Politik für das Kapital und gegen die Beschäftigten.

    Deshalb kann ich ihre Trauer bzgl. Bartschs Abgang nicht teilen.

  3. Nanana…man sollte dann schon ein bisschen auf „die Gesellschaft“ zugehen und nicht nur Unterstützung für Parteiarbeit verlangen. Das fängt z. B. damit an, dass man alternative gesellschaftliche Initiativen als Gesprächspartner ernst nimmt (selbst wenn man ihr Anliegen nicht teilt oder sie sich sogar gegen die Politik einer SPD-LINKE-Regierung wenden) und sie nicht ständig ausbootet, nicht anhört, kein Interesse an ihnen zeigt und sie teilweise beschimpft und versucht lächerlich zu machen. Das geht nicht in erster Linie gegen Dich, Halina, aber ganz klar gegen die Verfechter des „Kurses“ für den auch Du stehst.

  4. Jetzt hört mal bitte auf mit der Kacke. Wie immer irgend wer von uns dazu steht – der heutige Tag war kein guter Tag für uns.

    Bin auch parteiintern keineswegs für Konsenssauce. Wenn es grundlegende Differenzen gibt, müssen sie angesprochen werden. Aber der Ton macht die Musike.

    Derzeit sehe ich inhaltlich (Afghanistan, SPD hat ihr Hartz-Trauma noch nicht überwunden und faselt immer noch von Erfolgen, die es nie gab) keine Basis für eine bundesweite rotrotgrün-Koalition, zumal sich die Grünen längst nach Jamaika eingeschifft haben. Auf Länderebene darf man es aber gerne versuchen.

    Klar müssen nur einige linke Essentials sein (Friedenspolitik, Sozialpolitik, Ausländerpolitik). Ich sehe nicht, wo irgend wer diese Essentials derzeit unterläuft. Allerdings sehe ich Ansätze zur Vergrünung. Dem müsste man dann einen Riegel vorschieben. Schlimmstenfalls durch Austritt. Aber deswegen bin ich ja eingetreten. Merke: Nur wer eintritt, kann mit Austritt drohen…

  5. warum habt ihr keinen arsch in der hose und macht eine regionale,sozialistische partei nur für ostdeutschland auf?
    bitte nicht kneifen,leute!warum macht ihr es nicht?

  6. @johannes: weil eine regionalpartei ost keine sozialistische partei sein kann. die debatte hatte zumindest ich in der pds schon mal mitte der 90iger jahre. im übrigen ist es auch kein ost-west problem.

  7. Ich will dass sich was verändert – das geht nur mit der Linken und nur mit der SPD.
    Ich teile Halinas Meinung zur Strategie deswegen völlig. Die SPD muss dahin den Weg sicher noch finden und zur Selbstkritik fähig werden, aber man muss trotzdem die Perspektive offen halten. Nur eine solche Perspektive hilft denen, die eben auch in SPD und Grün keine Politik für das Kapital machen wollen. Keinem der kommenden Opfer der Gelb-schwarzen nützt eine noch so stimmige (reine) Lehre, weil die keine auch nur annähernde Mehrheit in der Bevölkerung hat.
    (Ich will zum Beispiel hier in NRW nicht nochmal eine schwarz-gelbe Regierung!)
    Es scheint so zu sein, dass Lafontaines Kommunikationsunfähigkeit (das muss ich als langer Fan von ihm inzwischen erkennen, allerdings nur von weit außen betrachtet) schon ein Problem ist. Und vielleicht scheinen die persönlichen Animositäten / Intrigen in der Politik (nicht nur der SPD) doch das wichtigste zu sein. Vielleicht verstehen viele auch gerade sowas als „Politik“ (gerade auch die vielen „Linken“ aus diversen Sektengrüppchen im Westen, wieso sonst ist es zu so vielen Winz-Parteien der Linken gekommen). Furchtbar und traurig angesicht der realen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

    „Die Linke“ ist jetzt dabei, ihre Kraft ebenso für Unsinn aufzubrauchen – das wird die Bevölkerung merken. Und irgendwann holt irgendein Populist (wahrscheinlich von rechts) alle Enttäuschten und Frustrierten ab …

  8. Ich halte es für einen Fehler, dass die Afghanistan-Frage zu einem „linken Essential“ geworden ist. Links heißt für mich im Kern: Solidaität mit den Schwachen und Opposition gegen deren Unterdrücker. Da muss man bezüglich Afghanistan auch als Linker der Meinung sein dürfen, dass ein SOFORTIGER Abzug und damit die Rückübereignung des Landes an die Taliban – man denke allein an die blutige Abrechnung mit den dann von diesen so definierten Kollaborateuren – grob verantwortungslos wäre. Das müsste eine Frage sein, in der es in der Fraktion keinen Fraktionszwang und in der Partei keinen Parteizwang gibt, denn das ist eine evidente Gewissensfrage.

    Die Taliban haben eines der scheußlichsten Menschenschinder-Regime seit 1945 ausgeübt, das sehe ich in der Linkspartei nirgends in Erwägung gezogen. Man hat den Verdacht, es ist nur deswegen ein „Essential“, weil man sich da so schön im Einklang mit den Umfragen befindet, dass das also ein Punkt ist, bei dem der abgedroschene Populismus-Vorwurf leider mal zutrifft.

    Ich wähle die Linke aufgrund der mich überzeugenden innenpolitischen Positionen und kann das im Hinblick auf die Bundesebene und Afghanistan nur mit meinem Gewissen vereinbaren, weil ich weiß, dass sie in keiner Koalition einen sofortigen, voraussetzungslosen Abzug wird durchsetzen können.

  9. Tja, leider weiß man ja nicht so wirklich was da nun im einzelnen vorgefallen ist. Man kann nicht sagen, dass die Beteiligten nun wirklich zur Aufklärung des Sachverhalts beigetragen haben. Es kann aber natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass Leute, die Indiskretionen an den politischen Gegner weiterleiten, und da können wir die gleichgesschaltete Propagandapresse ja wohl dazu zählen, in Parteiämtern nichts verloren haben, und sei dies auch nur aus Gedankenlosigkeit passiert. Erschreckend auch zu sehen, wie manche Wichtigtuer in der Partei es schaffen, kaum das Lafontaine nicht da ist, der Presse immer wieder schön neues Material zu liefern, dass sie als intriganten Hühnerhaufen erscheinen lässt. Strategisch total toll, Meinungsverschiedenheiten über die Presse austragen. Die Basis, die sich im Wahlkampf die Hacken abgelaufen hat, damit ihre Inhalte und Interessen in den Parlamenten und den Medien souverän vertreten wwerden, kann an dieser Stelle nur kotzen. Beim gegenwärtigen Zustand der Grünen und auch der SPD, sehe ich auch keinen Anlass, denen so hinterherzukriechen, wie es z.B. Herr Ramelow getan hat.
    Die haben es ja nicht mal auf die Reihe gekriegt, ihr Führungspersonal auszutauschen und von einer Kurskorrektur kann bislang auch keine Rede sein.
    Außerdem ist es bitter, aber Völker können sich nur selber befreien. So etwas wie humanitäre Kriegseinsätze gibt es nicht. Es geht immer um hegemoniale Interessen oder Rohstoffe oder beides. Gerade Menschen, die in Afghanistan für Hilfsorganisationen arbeiten sagen, dass der Militäreinsatz nicht stabilisierend wirkt, sondern nur zu immer mehr Gewalt führt. Niemand spricht im Übrigen von einem „sofortigen“ Abzug, Gysi hat das Ziel von einem Abzug in 2010 formuliert. Es ist klar,
    dass man nicht alles stehen und liegen lassen und in die Flugzeuge hüpfen kann.
    Sollte die LINKE ernsthaft irgendwann solche Kriegseinsätze tolerieren, bröckelt ihre Existenzberechtigung ganz gewaltig und ich werde austreten.

  10. Tja, leider weiß man ja nicht so wirklich was da nun im einzelnen vorgefallen ist. Man kann nicht sagen, dass die Beteiligten nun wirklich zur Aufklärung des Sachverhalts beigetragen haben. Es kann aber natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass Leute, die Indiskretionen an den politischen Gegner weiterleiten, und da können wir die gleichgesschaltete Propagandapresse ja wohl dazu zählen, in Parteiämtern nichts verloren haben, und sei dies auch nur aus Gedankenlosigkeit passiert. Erschreckend auch zu sehen, wie manche Wichtigtuer in der Partei es schaffen, kaum das Lafontaine nicht da ist, der Presse immer wieder schön neues Material zu liefern, dass sie als intriganten Hühnerhaufen erscheinen lässt. Strategisch total toll, Meinungsverschiedenheiten über die Presse austragen. Die Basis, die sich im Wahlkampf die Hacken abgelaufen hat, damit ihre Inhalte und Interessen in den Parlamenten und den Medien souverän vertreten wwerden, kann an dieser Stelle nur kotzen. Beim gegenwärtigen Zustand der Grünen und auch der SPD, sehe ich auch keinen Anlass, denen so hinterherzukriechen, wie es z.B. Herr Ramelow getan hat.
    Die haben es ja nicht mal auf die Reihe gekriegt, ihr Führungspersonal auszutauschen und von einer Kurskorrektur kann bislang auch keine Rede sein.
    Außerdem ist es bitter, aber Völker können sich nur selber befreien. So etwas wie humanitäre Kriegseinsätze gibt es nicht. Es geht immer um hegemoniale Interessen oder Rohstoffe oder beides. Gerade Menschen, die in Afghanistan für Hilfsorganisationen arbeiten sagen, dass der Militäreinsatz nicht stabilisierend wirkt, sondern nur zu immer mehr Gewalt führt. Niemand spricht im Übrigen von einem „sofortigen“ Abzug, Gysi hat das Ziel von einem Abzug in 2010 formuliert. Es ist klar,
    dass man nicht alles stehen und liegen lassen und in die Flugzeuge hüpfen kann.
    Sollte die LINKE ernsthaft irgendwann solche Kriegseinsätze tolerieren, bröckelt ihre Existenzberechtigung ganz gewaltig und ich werde austreten. -O-

  11. das kann ich nicht nachvollziehen,halina!warum ist es kein ot-west problem?
    hat gysi doch selber gesagt,daß die pds-ler wollten,dass endlich mal der westen auf sie hört.(ok:vielleicht nicht alle)
    aber wenn bei der fusion von wasg+pds sich viele basismitglieder übergangen und überrollt gefühlt hatten,kann auch nichts 100%gutes bei rauskommen.
    sicher ist die linke ein sammelbecken für viele strömungen .aber, und jetzt kommst du:wenn sich,wie du beklagst, einige wenige in der partei zu führungszirkeln und organen zusammenschließen die nicht demokratisch legitimiert sind,könnte es nicht sein,daß so aus wasg und pd auch die jetzige linkspartei entstanden ist?

  12. http://die-linke.de/politik/aktionen/bundeswehr_raus_aus_afghanistan/ plädiert für den SOFORTIGEN Abzug.

    Natürlich gibt es jetzt in Afghanistan Gewalt, natürlich gibt es auch zivile Opfer. Aber es muss doch eine Abwägung stattfinden mit der Gewalt und den Opfern, die ein zu früher Abzug verursacht. Schon 2010 werden die afghanischen Sicherheitskräfte nach allem, was man hört, nicht in die Lage zu versetzen sein, den Taliban allein standzuhalten. In einem Interview meinte ich rauszuhören, dass Lafontaine das auch so sieht, denn er brachte als Argument, dass die jetzt an der Seite der Westmächte kämpfenden Warlords der Nordallianz (inzwischen laut Wikipedia eingegliedert in die reguläre afghanische Armee) ja auch nicht besser seien als die Taliban, da sie Geld mit Drogenhandel verdienen. – Also das Land soll ruhig wieder in die Hände der Taliban fallen, macht ja keinen Unterschied? Ich finde die Vorstellung unerträglich, dass dasselbe menschenverachtende Regime wie vor der Intervention wieder an die Macht kommt – dann vielleicht für Jahrzehnte – mit der Folge regelmäßiger Massen-Foltermorde in Fußballstadien und völlig entrechteter und jeder Teilnahme am Leben (Bildung, Arbeit, Einkommen, Sozialkontakte) und sogar des Zugangs zu medizinischer Behandlung oder sanitärer Einrichtungen beraubter Frauen. Und man stelle sich das Triumphgeheul der Radikalislamisten in aller Welt vor, wenn dieser perverse Schariah-Staat wiederaufersteht.

    Man sollte in jeder Partei das Recht haben, bedingungsloser Pazifist zu sein und Krieg unter jeden Umständen abzulehnen. Man sollte aber auch in jeder Partei das Recht haben, einen zeitlich begrenzten Krieg als das kleinere Übel zu betrachten im Vergleich zur dauerhaften Auslieferung eines Landes an systematische Menschenschlächter mit verhängnisvoller Signalwirkung an die religiösen Fanatiker in der übrigen Welt – man denke allein an die chronisch instabile und von islamistischer Unterwanderung bedrohte, direkt benachbarte Atommacht Pakistan.

    Ich will nicht beanspruchen zu wissen, was für Afghanistan der Weisheit letzter Schluss wäre, aber es kann nicht sein, dass jemandem das Links-Sein abgesprochen wird, wenn er für einen bedachten Abzug ist, der sich nach der strategischen Lage entscheidet und nicht nach einer kalendarischen Deadline.

  13. Ich sehe erst jetzt, dass es hier einen zweiten „Thomas“ gibt – der erste Kommentar in diesem Thread unter diesem Namen (vom 16. Januar 2010 um 13:29) ist nicht von mir – ich poste daher künftig unter meinem vollen Namen, „Thomas Gröger“.

  14. Natürlich ist die Vorstellung, dass die Taliban in Afghanistan wieder an die Macht kommen unerträglich, aber wer sind wir, dass wir den Afghanen erzählen oder vorschreiben wie sie zu leben haben? Mal abgesehen davon ist es auch in diesem Krieg so, dass die Besatzer die einheimischen Menschen nicht interessieren. Es geht um eine Gaspipeline, weitere Rohstoffe und die Umzingelung des Irans. Es gibt viele Länder auf diesem Planeten wo es sehr ungerecht zugeht. Marschiert die Nato etwa in Bangladesch ein?

  15. „Tigerente“ klingt ziemlich verharmlosend und ist obendrein ein positiv besetzter Begriff. Hornissen- oder Schwarzgeld-Koalition passt m.E. hier besser…

  16. In Afghanistan wurde interveniert, weil die USA auf eigenem Territorium angegriffen wurden, meinetwegen auch aufgrund anderer nicht altruistischer Interessen. In den zweiten Weltkrieg sind die USA auch nur eingetreten aufgrund des Angriff auf Pearl Harbor. Das eine ist (wenn die Intervention die dauerhafte Entmachtung der Taliban bewirkt) das Glück künftiger Generationen in Afghanistan, das andere war das Glück der Generationen nach 1945 in Europa und Asien, auch Dein und mein Glück, sonst würden wir hier nicht frei schreiben können, sondern wären entweder gleichgeschaltet, in der (äußeren oder inneren) Emigration, im KZ, längst an irgendeiner Front verheizt oder nie geboren.

    „Wer sind wir, dass wir den Afghanen erzählen oder vorschreiben wie sie zu leben haben?“

    Ach so, Foltermorde, Terrorbasen und Frauenverachtung als zu respektierende regionale Kulturleistungen. Wer waren dann die Alliierten im – und nach dem – Zweiten Weltkrieg, uns Deutschen zu erzählen oder vorzuschreiben, dass wir ohne Expansionskrieg, Totalitarismus, Rassismus und Völkermord zu leben haben?

    Es ist ein erschreckendes Ergebnis, gegen das man sich innerlich wehrt, dass Krieg das kleinere Übel sein kann, das kann ich schon nachvollziehen. Aber ab einem gewissen Ausmaß der Monstrosität der einzigen Alternative komme ich an diesem Ergebnis nicht mehr vorbei. Hat vielleicht etwas mit mangelndem Talent zu Realitätsverdrängung und Selbstbetrug zu tun.

    Zumindest sollte man sich als völlig ohne Schmerzgrenzen auskommender Ohne-wenn-und-aber-Pazifist nicht auf einem beliebig hohen moralischen Ross wähnen und anderen das Linkssein absprechen.

  17. der vergleich, der hier mehr oder weniger zwischen taliban und nazis gezogen wird, hinkt mal wieder gewaltig. haben die taliban bislang sechs millionen menschen ermordert wie einst die nazis die juden? sind die taliban fuer 50 millionen tote in einem weltkrieg verantwortlich? fuehren sie eine agressive expansionspolitk, vertreiben ganze voelker, zwingen diese zu zwangsarbeit, enteignen sie und und und? in diesem kontext ist auch obamas argument in seiner nobelpreisrede von einem „gerechten krieg“, um einen gerechten frieden zu schaffen, recht schwach. im uebrigen behaupte ich, dass der westen ueber jahrzehnte hinweg den terrorismus provoziert hat.
    schliesslich wollen wir allen laendern, die nicht westlich leben, unseren lebensstil aufzwingen. wir erlauben den afghanen doch auch nicht, dass sie eigene truppen bei uns am rhein aufstellen, nur weil unsere regierung nicht willens ist, einen flaechendeckenden gesetzlichen mindestlohn einzufuehren.

  18. he Johannes, da hat wohl jemand die letzten 20 Jahre verpennt, wa? Bis vor ein paar Jahren war die PDS genau das (zumindest territorial), was Du dir wünschst. Nur eben bundesweit total am Abkacken (so 2,nochewas % und irrelevant für soziale Bewegungen), auf Landesebene auf dem Weg an die Fleischtöpfe (einige haben’s geschafft), nur eben nicht „sozialistisch“. Nu haben wir den Westen dazu, rocken, und du willst, dass alles wie früher wird. Das finde ich, um es mal ganz diplomatisch auszudrücken, sehr schwer nachvollziehbar.

  19. Pervers menschenverachtende, systematisch staatlicherseits begangene Verbrechen sind der unbestreitbare gemeinsame Nenner zwischen Nazis und Taliban, auf den es oben argumentativ ankam. Opferzahlen aufzurechnen ist immer schwer daneben. Sicher haben die Nazis Verbrechen begangen, welche die Taliban nicht begangen haben, es lassen sich auch Verbrechen der Taliban aufzählen, welche die Nazis nicht begangen haben. Die Monstrosität der Verbrechen ist das Vergleichbare, nicht die unterschiedlichen schauderhaften Details oder die quantitativen Dimensionen. Wobei die Taliban nicht weniger als die Hälfte der Bevölkerung in tiefstem Elend und Sklaverei dahinvegetieren ließen und Frauen auch in großer Zahl wegen nichtiger Anlässe grausam öffentlich hingerichtet haben. Perverse Verbrechen sind keine Frage des „Lebensstils“, dabei bleibe ich. Und natürlich ist es absurd, die Nichteinführung eines allgemeinen Mindestlohns mit Massenmorden gleichzusetzen.

    Mit derart bizarren Einwänden will ich mich nicht wirklich weiter befassen müssen. Ich habe mehrmals gesagt, dass auch eine pazifistische Position zu tolerieren ist und es sich um eine Gewissensfrage handelt. Für hochgradigen Stuss zur Verteidigung dieser Position gilt das aber mit Sicherheit nicht.

  20. @Paul

    „2% nochewas?“ Hallo, da hast Du wohl was verpennt.Und nicht sozialistisch? Da würd ich mal behaupten, daß die „alte PDS“ um einiges weiter war als das, was heut so mancherorts passiert. Das nur mal als Denksportaufgabe. Man man…

  21. @ THOMAS GRÖGER

    Ich spreche niemandem das Linkssein ab. Auch wähne ich mich nicht auf einem besonders hohen moralischen Ross. Wer allerdings noch immer die einseitige Mär von der großen Befreiung durch die Amerikaner erzählt, hat vergessen oder wusste noch nie, dass die Nazis auch mit Geld aus den USA und GB unterstützt wurden. Hier spielte sogar die Familie Bush eine Rolle. General Motors hat mit der Tochter Opel (ja – unser „VOLKS“-Opel mit dem sich so schön Wahlkampf machen liess) allein 400.000 Truppentransporter für das NS Regime produziert, sogar noch, nachdem die Amerikaner in den Krieg eingezogen sind. Irgendwann wurden die Produktionshallen dann doch platt gemacht und GM vom amerikanischen Staat auch noch entschädigt.
    Es gibt sogar das Gerücht, dass während des Krieges sogar deutsche U-Boote von Amerikanern aufgetankt wurden. Dieses Prinzip haben die Amis immer wieder durchgezogen. Erst helfen sie massiv, einen Diktator aufzubauen und verdienen an den Waffenbestellungen. Später erklären sie ihn aufgrund einer Lüge zum Feind, machen ohne Rücksicht auf die Bevölkerung das ganz Land platt und verdienen dann wieder am Aufbau. Nebenbei sichern sie sich nach und nach die Hegomonie über viele Rohstoffquellen der Welt. Der Iran wäre ohne den CIA heutzutage womöglich eine Demokratie und die ersten Taliban wurden auch von den Amerikanern ausgebildet.
    Divide Et Impera, das Prinzip ist uralt und funktioniert immernoch oder sind die europäischen Regierungen, ganz besonders Deutschland und Großbritanien, den Amis seit dem zweiten Weltkrieg etwa nicht treu ergeben? Was passiert, wenn mal einer aufmuckt, hat man an Jugoslawien gesehen. Ein weiterer Krieg, dessen Begründung erstunken und erlogen war.

    In der Tat, ich zweifle die Beweggründe der Nato massiv an. Das dort niemandem geholfen werden soll, hat nicht zuletzt unser Oberst Klein glasklar vor Augen geführt.
    Außerdem bedeutet das Einstellen der Kriegshandlungen ja nicht, dass man nicht trotzdem demokratische Kräfte in Afghanistan unterstützen und den Menschen helfen kann. Gerade Länder, die sich selber für so unglaublich zivilisiert halten, sollten auf Diplomatie setzen und nicht auf Barbarei!

  22. Selbst wenn man alle angeführten Verschwörungstheorien als wahr unterstellt, hat der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, der ohne den Eintritt der USA kaum denkbar gewesen wäre, die Naziherrschaft beendet, wovon wir ja wohl auch noch profitieren; das hat die Evidenz von 1+1=2 und nichts anderes habe ich gesagt.

    Das Vorgehen von Oberst Klein finde ich nach dem derzeitigen öffentlichen Kenntnisstand auch nicht im geringsten nachvollziehbar. Das muss lückenlos aufgeklärt und gegebenenfalls strafrechtlich geahndet werden. Angesichts der zivilen Opfer fand ich auch die eiligen Solidaritätsadressen der beiden letzten Verteidigungsminister unappetitlich. Beim deutschen Einsatz liegen auch andere Dinge im Argen. Dazu gehört etwa, dass die Soldaten in der ersten Zeit in offenen Pritschenwagen ausrücken mussten – wenn das in der gestrigen Panorama-Sendung richtig dargestellt wurde, dann deshalb, weil die Politiker martialisch anmutende Bilder aufgrund schwereren Kriegsgeräts vermeiden wollten. Erst nach mehreren unnötigen Todesfällen wurden erste gepanzerte Fahrzeuge geschickt – bis heute zu wenig. Also der deutsche Einsatz läuft offenbar eher schlecht. Wenn es gar so sein sollte, dass er anhaltend mehr Schaden anrichtet als nutzt, dann wäre DAS für mich ein plausibler Grund, speziell die deutschen Truppen wieder abzuziehen und sie allenfalls besser ausgebildet und ausgerüstet wieder einzusetzen.

    Die Taliban mit bloßer (!) Diplomatie stoppen zu wollen, das wäre in meinen Augen in den Auswirkungen barbarisch, weil es deren Machtentfaltung in Kauf nähme. Dann sollte man sich besser ganz (auch diplomatisch) raushalten, damit es nicht peinlich wird.

  23. Ah, Verschwörungstheorien also. Du würdest also z.B. bestreiten, dass die U.S.A. z.B. noch Verbündete des Irak waren, als es darum ging den Iran platt zu machen? Amerikanische Außenpolitik funktioniert, wann immer es ihnen opportun erscheint, exakt nach dem von mir beschriebenen Schema. Du kannst ja gerne dankbar sein dafür, dass sie gelegentlich die Kriege, die sie mit anzetteln, auch beenden. Was passiert wäre, wnn die U.S.A Deutschland nicht angegriffen hätte, wissen wir im übrigen nicht.

    Hier ein schöner Film zum Thema Medienmanipulation:

    http://video.google.de/videoplay?docid=9022337190221762301#

  24. Die USA haben weder den Zweiten Weltkrieg, den Iran-Irak-Krieg noch den Afghanistan-UdSSR-Krieg angezettelt. Deine Beiträge sind ein wilder Mix aus Zutreffendem, Gerüchten (sagtest du selbst) und Verschwörungstheorien, ja. Im kalten Krieg haben die USA verschiedene in Afghanistan gegen die Sowjets operierende Milizen unterstützt, ja. Im Iran-Irak-Krieg schlug man sich auf die Seite des Irak, ja. – Allerdings wurden auch Waffen an den Iran geliefert (Iran-Contra-Affäre). Da sind üble Machenschaften dabei, ja. Aber auf nichts davon habe ich mich an irgendeiner Stelle bezogen.

    Im Zweiten Weltkrieg waren die USA im Hinblick auf Bewaffnung, industrielle Kapazität und Nachschubressourcen die stärkste Macht auf Seiten der Alliierten, was auch schon vor dem direkten Kriegseintritt durch massive Unterstützung der Briten und Sowjets zum Tagen kam; da muss man kein Militärexperte sein, um sich auszumalen, dass sich Krieg und Nazi-Herrschaft ohne diesen Faktor mindestens drastisch verlängert hätten.

    Nur weil ich dankbar bin für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs – ist das hier irgendwer nicht? – und künftige Frauengenerationen in Afghanistan dankbar sein werden für eine dauerhafte Entmachtung der Taliban, bin ich kein Anhänger sämtlicher Aktivitäten der USA und sehe in meinen hiesigen Ausführungen auch nichts, das (gar weitere) antiamerikanische Referate provozieren müsste.

  25. Wo hab ich bitteschön geschrieben, dass die Amerikaner den Afghanistan/UdSSR-Krieg angezettelt haben? Ansonsten stimmst Du mir ja offensichtlich weitestgehend zu, widerlegst mich also keineswegs. Die USA haben im 2. Weltkrieg im Übrigen auch die UdSSR unterstützt, also Stalin. Man muss nun wirklich kein Verschwörungstheoretiker sein, um da Parallelen zu aktuelleren und heutigen Konflikten zu erkennen. Egal, ob die USA ihre Kriege siegreich beenden oder mit einem Desaster. Deren Finanzoligarchie verdient immer mit. Man muss schon ziemlich blauäugig sein, um ernsthaft zu glauben, es ginge bei diesem Krieg um Frauenrechte. Das will uns Herr Westerwelle auch erzählen. Die Beweihräucherung der Amerikaner als große Befreier dient natürlich auch dazu, die Opfer und Entbehrungen sowie die Leistung der UdSSR bei der Beseitigung der Nazis herunterzuspielen. Auch nicht vergessen sollte man die taktische Selbstüberschätzung des selbsternannten GRÖFAZ, der selber einiges zur Niederlage beigetragen hat. Mal abgesehen davon, ist dieser Krieg nicht zu gewinnen. In der Form wie Du Dir das vorstellst, wird eh niemand „befreit“ werden. Will man die Taliban weichkochen, wäre es schlauer, der Bevölkerung unsere „Freiheit“ ganz tolle Besitztümer zu konsumieren permanent vor Augen zu führen.
    Das hat bei der DDR auch gegklappt. Das Volk hat dann von selber seine Unterdrücker ausgewechselt.

  26. Ich stimmte dir bei einigen deiner abschweifenden Exkurse teilweise zu, wies jedoch auf deren komplette Irrelevanz für das hier behandelte Problem hin.

    Schon vier Kommentare zuvor habe ich dargelegt, dass die Motive (ob nun die wahren oder die verschwörungstheoretischen) irrelevant sind für die praktischen Folgen: Wenn die Taliban dauerhaft entmachtet werden, hilft das nachfolgenden Generationen afghanischer Frauen und anderer verschonter Taliban-Opfer auch dann, wenn dies nicht in erster Linie um ihretwillen sondern wegen einer Gaspipeline geschehen sollte. Ich halte die Pipeline-Theorie für blödsinnig, aber wir müssen eigentlich nicht darüber streiten, weil es im Effekt egal ist.

    Um dir dein Argumentationsmuster noch mal anders vor Augen zu führen: Wenn ein böser US-Amerikaner (eine Tautologie in deinen Augen, ist mir klar) vor hat, einen herabfallenden Blumentopf aufzufangen, bevor er auf deinem Kopf aufschlägt, obwohl es ihm in erster Linie – er ist US-Amerikaner – ja nur egoistisch um den Blumentopf gehen kann und nicht altruistisch um deinen Kopf, müsstest du diesen Plan bei Zugrundelegung des selben Denkschemas aufs Schärfste verurteilen und den Schädelbasisbruch bevorzugen.

    Ich habe in Bezug auf die Kapazitäten der USA im Zweiten Weltkrieg nur Fakten benannt und nichts „beweihräuchert“, auch schrieb ich nicht eine Silbe über Opfer und Entbehrungen. Es ist vollkommen klar, dass der Krieg in der UdSSR die meisten Menschenleben gekostet hat (und zwar mit großem Abstand, was Europa betrifft; nur China ist in den Opferzahlen dicht dahinter).

    Der (militärische) Größenwahn Hitlers bestand unter anderem im zu hohen Pokern, dass die Westmächte bei den Überfällen auf Polen und die UdSSR genau so stillhalten würden wie schon bei den Annektierungen Österreichs und des Sudetenlands. – Aber das war immerhin vor Pearl Harbor; die Taliban haben so gesehen noch größenwahnsinniger gepokert, als sie glaubten, nach den barbarischen Anschlägen am 11.9.2001 in New York und Washington Bin Laden nicht ausliefern zu müssen.

  27. In der Tat habe ich nicht sonderlich viel Vertrauen in die Aufrichtigkeit amerikanischer Außenpolitik. Dem amerikanischen Volk gegenüber bin ich ziemlich indifferent. Das Massaker von Kundus hat in Deutschland ja leider auch nicht zu massiven Friedensdemonstrationen geführt, insofern sind die Zeiten, in denen man als friedensbewegter Deutscher auf die „bösen“ Amerikaner zeigen konnte, leider endgültig vorbei. Dass es der Nato in Afghanistan vor allem um die unterdrückten Frauen gehe, kannst Du ja gerne glauben. Eine tausende Jahre alte Kultur lässt sich nicht demokratisch bomben. Länder, deren Demokratien selber in der Erosion begriffen sind, tun natürlich gut daran, ihre Völker mit Konflikten in anderen Ländern davon abzulenken, wie sie verarscht werden. Ich glaube es war der amerikanische Oberbefehlshaber selber, der sinngemäß sagte, mit einem getöteten Taliban schaffen wir zwanzig neue. Da können wir uns ja schon mal auf zwanzig, dreißig Jahre Krieg einlassen, bis die NATO mürbe ist. Die Rüstungsindustrie wird sich freuen. Noch dazu werden wir mit der Uran-Munition jede Menge radioaktiven Müll los.Wie praktisch.

  28. Ich hätte es auch für falsch gehalten, wegen Kundus Friedensdemonstrationen abzuhalten. Mitmarschiert wäre ich auf einer Demonstration für eine lückenlose – auch strafrechtliche – Aufklärung des Massakers. Es muss ein deutliches Zeichen geben, dass Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung bei Bundeswehreinsätzen nicht toleriert und bei Vorliegen der Voraussetzungen auch konsequent bestraft wird.

    Ich habe nirgends geäußert, dass ich glaube, der NATO ginge es um die afghanischen Frauen, vielmehr habe ich jetzt schon mehrmals geschrieben, dass mir die Motive der Intervention vollkommen egal sind, wenn diese nur im Effekt die Rückkehr der Unterdrückung, Verelendung, Folterung und Tötung afghanischer Frauen und anderer absehbarer Taliban-Opfer dauerhaft verhindert. Dieser Gedankengang – wenn die Folgen einer Handlungsweise zu begrüßen sind, kommt es auf die Motive nicnt an – ist dir offenbar nicht zu vermitteln, auch nicht mit Gleichnissen.

    Die Taliban haben keineswegs „tausend Jahre“ das Land beherrscht. Vielmehr sind sie erstmals von Pakistan einfallend in Afghanistan in Erscheinung getreten, nachdem die Sowjets abgezogen und die sich sofort gegenseitig bekämpfenden Mudschaheddin so geschwächt waren, dass sie das Land übernehmen konnten. Ganze fünf Jahre haben ihnen aber gereicht, um die Frauen und andere in tiefstes Elend zu stürzen, öffentliche Massenmorde zu institutionalisieren, die Führung und Ausbildungslager von Al Qaida zu beherbergen und nebenbei auch den Großteil des – zum Teil mehr als tausend Jahre alten – kulturellen Erbes des Landes zu vernichten.

    Es ist denkbar, dass die Intervention scheitert und das Land wieder an die Taliban fällt. Wenn aber die Intervention verfrüht abgebrochen wird, ist es sicher, dass das Land wieder an die Taliban fällt.

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