Hauptsache für mich ändert sich nichts

Wenn ich mir so Beiträge auf Twitter und Facebook anschaue, scheint es mir ein neues Phänomen zu geben. Die Entdeckung der Arbeiterklasse zur Rechtfertigung der Aufrechterhaltung des eigenen Lebensstils.

Mal mehr, mal weniger direkt wird dort vertreten, dass Konsumkritik oder die Überprüfung des eigenen Verhaltens im Hinblick auf den nicht mehr ignorierbaren Klimawandel nicht sinnvoll ist, die Arbeiterklasse durch solche Ansinnen unterdrückt wird und überhaupt nur eine Überwindung des Kapitalismus (Systems) eine Lösung bringt. Wer also auch auf individuelle Verantwortung hinweist, der verstellt die große Klassenauseinandersetzung.

Nun habe ich überhaupt nichts gegen die Überwindung des Kapitalismus (Systems). Im Gegenteil. Ich bin sehr dafür, dass es eine demokratisch sozialistische Gesellschaft gibt. Oder wie schon 2011 formuliert:

„Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der die Freiheit des Einzelnen die Bedingung der Freiheit aller ist, eine Gesellschaft, in der Freiheit und Sozialismus verwirklicht werden, eine Gesellschaft, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet ist. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der die Entrechtung und Entmündigung des Menschen abgeschafft ist. Um dies zu erreichen, brauchen wir ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. (…)  Wir finden uns nicht ab mit der ungerechten Verteilung von Arbeit und Einkommen sowie Lebenschancen und Lebensqualität zwischen Nord und Süd. Wir finden uns nicht ab mit Krieg als Mittel der Politik. Wir finden uns nicht ab mit fehlender oder mangelhafter Demokratie und Umweltzerstörung. Vor allem aber finden wir uns nicht ab mit der Dominanz des Profits in allen Lebensbereichen. (…) Wir wollen eine andere Gesellschaft. Wir wollen den Kapitalismus überwinden. Die Debatte über eine andere Gesellschaft orientiert sich an folgenden Leitideen, die es in der politischen Praxis zu untersetzen gilt:

• Individuelle Freiheit und Entfaltung der Persönlichkeit für jede und jeden erfordern weltweit eine gleichberechtigte Teilhabe an den sozialen Bedingungen eines selbstbestimmten Lebens.

• Wirtschaft und Lebensweisen sind an den Bedürfnissen einer solidarischen Entwicklung zwischen Nord und Süd sowie am Erhalt der Natur auszurichten.“

Ab 2011 war das für mich eine gute Richtschnur für mein Handeln. Und daraus folgt für mich, dass mit dem kleinen oder großen Finger auf das System zu zeigen, zu wenig ist. Wer auf den Kapitalismus zeigt, muss auch schauen, wie sehr dieser das eigene Leben beeinflusst und wo jede*r sich selbst verändern kann, damit sich etwas bewegt. Denn ohne individuelle Veränderung wird der Kapitalismus nicht überwindbar sein.

Diejenigen aber, die meinen, dem Klimawandel sei allein durch die Beseitigung des Kapitalismus beizukommen und die jegliche individuelle Verantwortung ebenso ablehnen wie individuelle Verhaltensänderung, zeichnen sich häufig durch zwei Argumentationssträge aus:

  1. Sie negieren zunächst, dass diejenigen, die auch auf individuelle Verantwortung hinweisen, eben nicht ausschließlich auf individuelle Verantwortung hinweisen. Der zentrale Vorwurf lautet, das allein helfe nichts. Nur kenne ich kaum jemanden, der allein auf individuelle Verhaltensänderung setzt.
  2. Wenn das nicht mehr hilft, kommt die Argumentation mit der Arbeiterklasse. Diese könne sich dann kein Fleisch mehr leisten, nicht mehr in den Urlaub fliegen und auch das hart ersparte Auto würde ihr madig gemacht. Die Reichen würden viel mehr zur Zerstörung von Umwelt und Klima beitragen als die Arbeiterklasse, aber diese würde bestraft.

Im Kern, glaube ich, geht es bei all dem nur um eines. „Not in my backyard“ oder: Hauptsache für mich ändert sich nichts und ich kann meinen Lebensstil beibehalten. Ein mindestens zynischer Ansatz, wenn betrachtet wird, dass der Lebensstil im globalen Norden zur Ausbeutung des globalen Südens beiträgt und so Flüchtende produziert und zur Zerstörung von Klima und Umwelt beigetragen wird. Die benannten zwei Argumentationspunkte sind aber aus zweierlei Sicht nicht überzeugend.

  1. Wer negiert, dass individuelles Verhalten Auswirkungen hat, scheint mir den Markt nicht begriffen zu haben. Dass es an jeder Ecke Bioläden gibt, dass in diversen Restaurants mittlerweile selbstverständlich vegetarische oder vegane Speisen angeboten werden und dass im Gegensatz zur Zeit vor 10 oder 15 Jahren in einem Hotel ein Internetzugang selbstverständlich ist, hat auch etwas mit Konsumverhalten zu tun. Um es mal zugespitzt zu formulieren: Wenn niemand mehr einen SUV nachfragen würde, weil alle diesen für klimaschädlich halten, würde die Automobilindustrie weniger bis gar keine SUV bauen.
  2. Die Wiederentdeckung der Arbeiterklasse ist aus zwei Gründen interessant. Zum einen wird die Arbeiterklasse nun von denjenigen aufgerufen, die -völlig zu Recht!- in der Frage der Migration der Behauptung immer entgegengetreten sind, Migration gehe zu Lasten der Arbeiterklasse. Da wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass Menschen im globalen Süden ausgebeuteter sind als die Arbeiterklasse hier. Da wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass die Profitgier zur Arbeitsausbeutung von Geflüchteten führt und es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass das für Geflüchtete ausgegebene Geld ohne diese nicht für die Arbeiterklasse ausgegeben werden würde. Doch beim Klima ist das alles anders. Die gut situierte Mittelschicht, die sich in ihrem Leben eingerichtet hat, bastelt sich ein Bild von der Arbeiterklasse, die ständig Fleisch essend in den Urlaub fliegt und nur mit ordentlicher Karre durch die Gegend brettert. Es ist ein abschätziges Bild der Arbeiterklasse, ein veraltetes dazu. Die gut situierte Mittelschicht nimmt die Arbeiterklasse als Schutzschild, damit sich ja in ihrem Leben nichts ändert. Arbeiterklasse sind heute digitale Tagelöhner*innen, Arbeiterklasse sind heute häufig Crowd- und Coworker*innen, Arbeiterklasse sind heute die von Hartz IV Lebenden, Arbeiterklasse sind Menschen, deren Lohn zum Leben nicht reicht. Wieviele davon brettern mit einer Karre durchs Leben, fliegen häufig in den Urlaub oder essen ständig Fleisch? In meiner Blase nehme ich nur Kommentare von Leuten war, die selbst zur Mittelschicht gehören und dieses Leben verteidigen, sich zum Sprachrohr der Arbeiterklasse machen. Ich kenne den einen oder die andere, die prekarisiert leben und dennoch häufig umwelt- und klimabewusster leben als die von mir beschriebenen Teile der Mittelschicht.

Ich bin der festen Überzeugung, ohne Überwindung des Kapitalismus wird die Erde nicht zu retten sein. Ich bin aber auch der Überzeugung, jeder kleine individuelle Schritt zum Schutz von Klima und Umwelt ist wert- und sinnvoll. Ich selbst schaffe es nicht, Klimaneutral zu leben. Ich bin mir dessen bewusst. Ich versuche an vielen Stellen klimabewusster zu leben, auch weil ich noch mal neu sensibilisiert worden bin, aber auch ich trage zur Zerstörung von Umwelt und Klimas bei. Aber ich habe wenigstens ein schlechtes Gewissen und schaue immer mal wieder, wo ich noch etwas ändern kann. Vielleicht wäre das ja schon ein Anfang.

4 Gedanken zu „Hauptsache für mich ändert sich nichts

  1. Liebe Halina, bleibe bei Deinem Leitfaden und gehe mal davon aus, die meisten Theoretiker der Linken sind von der Arbeiterklasse entfernt und entfremdet. Manche leugnen gar die Existenz dieser Klasse in unserer Gesellschaft. Ich weiß nicht ob alleine die ideologische Dauerbeschallung zur digitalen Welt, Informations und Dienstleistungsgesellschaft usw. oder das eigene Dasein als Angestellte, Beamte, Freiberufler oder Berufspoliker den Blick auf die tägliche Lebensleistung so vieler Malocherinnen und Malocher in der Industrie, dem Handwerk und Gewerbe, der Landwirtschaft und der Dienstleistung getrůbt haben. Jedenfalls hat die Linke den Kontakt zu den Arbeitern mehr und mehr verloren und ein Ausdruck ist der dumpfe Protest der sich gegenwärtig manifestiert. Mir tut das weh und leid, aber ich glaube, es kommt die Zeit zum Nachdenken und Handeln, wenn die Partei ihre Ziele erreichen will. Gruß Enno

  2. Lieber Enno, du schreibst von „Malocherinnen und Malocher in der Industrie, dem Handwerk und Gewerbe, der Landwirtschaft und der Dienstleistung“. Ich sehe da -in weiten Teilen- keinen Widerspruch zu meinem Text. Denn dort heißt es u.a.: „Arbeiterklasse sind heute digitale Tagelöhner*innen, Arbeiterklasse sind heute häufig Crowd- und Coworker*innen, Arbeiterklasse sind heute die von Hartz IV Lebenden, Arbeiterklasse sind Menschen, deren Lohn zum Leben nicht reicht.“ Ich weise darüber hinaus darauf hin -und da könnte ein Dissens sein- das „Menschen im globalen Süden ausgebeuteter sind als die Arbeiterklasse hier“.
    Ein Teil der von Dir als Malocher*innen bezeichneten würde bei mir unter „Menschen, deren Lohn zum Leben nicht reicht“ fallen. Aber es wird schon schwierig, wenn ich auf den/die Arbeiter*in bei einem Autobauer abstelle. Diese sind tatsächlich eher Mittelstand und haben beileibe nicht das -unterstellte- Problem, dass sie sich das Stück Fleisch, wenn es teuerer wäre, nicht mehr leisten könnten. Ich bin da für ein wenig mehr Differenzierung.

  3. Liebe Halina,
    dein Text gefällt mir. Ein für mich noch unbeantwortete Frage ist die der Glaubwürdigkeit und Vorbildwirkung linker Politiker*innen. Sicher sollen es keine Heiligen sein, aber auf der Straße mit FFF laufen und gleichzeitig Flugzeug-Nutzer*innen wird so keine Anziehungskraft (i.S.v. „die zeigen, dass es gehen könnte“) auf Engagierte oder Nachdenkliche (bzw. für ein paar Änderungen bereit Stehende) entfalten. Beispiel ist die Kritik von Bernd Riexinger an der 1. Klasse in DB-Zügen und seine anschließende (peinliche) Bestätigung, dass er aber auch 1. Klasse nutze.
    Vielleicht ist es aber auch eine ganz einfache Formel (z.B. im Wahlkampf) wenn es um Klimawandel, Ressourcengerechtigkeit oder einfach nur die Zukunft des ländlichen Raumes geht: Haben die Menschen bei Beobachtung, Gespräch, Kontaktaufnahme, Lesen von LINKE-Konzepten etc. auf den ersten oder zweiten Blick Vertrauen, dass das was wir Vorschlagen, Skizzieren, Vertreten auch „irgendwie aufgehen könnte“? Wenn wir in den Städten wohnen aber vom ländlichen Raum reden, von der Zukunft des ÖPNV sprechen, aber mit dem Auto anreisen, die Risiken der Digitalisierung kritisieren, aber wenig auskünftsfähig sind über aktuelle (industriell oder staatlich getriebene) digitale Konzepte (KI etc.), dann könnte das eher nicht der Fall sein. „No Jobs on a dead planet“ ist deshalb glaubwürdig, weil es aus gewerkschaftlichen Kreisen gekommen ist (leider nicht weiterverfolgt worden). DIE LINKE sollte m. E. natürlich an Bewegungen und gesellschaftliche Prozesse anküpfen (FFF etc.), aber sie braucht auch selbst die glaubwürdigen Personen, um das dann weiterzutragen (in Partei, in Regierung …). Und wie gesagt, keine Heiligen, aber Menschen, die mitmachen beim ändern der Gesellschaft (also auch ihrem Leben).
    F

  4. im kern gebe ich dir recht, will aber darauf hinweisen, dass sich zum beispiel flüge nicht immer vermeiden lassen. da wäre dann aber eine klimaabgabe oder ähnliches sinnvoll.

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