Der Traum von der weißen Weste

Hierbei handelt es sich um eine – durchaus nachvollziehbare – Wunschvorstellung. In diesem Traum macht man immer das Richtige im Leben, ist immer frei in seinen Entscheidungen und wird am Ende von allen geliebt. Man ist auf Grund der eigenen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Held. Niederlagen gibt es in diesem Traum nicht, nur Siege. Ein schöner Traum. Jede/r träumt ihn gern, jede/r möchte gern so leben. Besonders gern wird dieser Traum von Menschen geträumt, die sich Politiker/innen nennen und Diäten kassieren.

Doch der Traum ist ein Traum und die Realität ist die Realität. :-( Diese wiederum kann sich im Großen und Ganzen in zwei Varianten abspielen.

Variante 1: Man sitzt in einem Parlament. Ob man dort eine Rede hält, im Ausschuss oder Plenum abstimmt, eigene Vorschläge entwickelt oder ob in China ein Reissack umfällt – im Regelfall hat dies die gleiche Wirkung auf die Veränderung der Gesellschaft: Keine! Man ist die klassische Minderheit und kann hier und dort vielleicht einmal ein Projekt der Zivilgesellschaft unterstützen. Aber im Parlemantsbetrieb selbst, passiert nichts. Egal was man fordert, es wird nicht Realität, nur in den wenigsten Fällen, wird sich mit den eigenen Vorstellungen sachlich auseinandergesetzt. Vielleicht übt man Druck auf andere politische Parteien aus und drängt sie in eine bestimmte Richtung, aber durchschlagenden Erfolg hat man nicht. Aber die Diäten stimmen, das ist alles sehr bequem und man hat eine weiße Weste. :-) Die Welt hat sich jedoch kaum geändert :-( .

Variante 2: Das was man vorschlägt, wird auch Realität. Vielleicht nicht zu 100% aber zu 90% oder 80% oder 70% oder … . Allein ist man zu schwach dazu, also benötigt man Partner. Diese haben aber zum Teil andere Vorstellungen als man selber. Es besteht also die Notwendigkeit sich zu einigen. Mal hat man selbst die Nase vorn und verbucht einen Erfolg :-) , das andere Mal der Partner und man selbst verliert :-( . Und schon ist sie dreckig, die weiße Weste. Schließlich will man, dass der Partner die eigenen Vorstellungen mitträgt und so trägt man auch die Vorstellungen des Partners mit, selbst wenn man nicht von der Richtigkeit überzeugt ist.

Es ist schon überraschend, wie man immer wieder Menschen trifft, die nach 9 oder 19 Jahren parlamentarischer Erfahrung immer noch glauben, eine weiße Weste ist in Konstellation 2 denkbar :-( . Umschrieben wird dies dann mit dem inflationären Gebrauch des Wortes “Glaubwürdigkeit”, wahrscheinlich würde dies auch verwendet werden, man Mücken erschlägt obwohl man mal beschlossen hatte, Tiere zu schützen. Unterlegt wird dies mit dem – selbstverständlich nur auf Vermutung beruhenden – Vorwurf, da kleben einige nur an ihren Ministerposten und sind Regierungsgeil. (Warum eigentlich? Ein Oppositionssitz im Parlament ist viel bequemer als ein Regierungssitz.) Würde den Verfechtern der weißen Weste jedoch entgegnet werden – selbstverständlich ebenfalls nur auf Vermutung beruhend – ihnen gehe es gar nicht um die Sache sondern um Selbtsprofilierung oder um ganz andere Auseinandersetzungen gäbe es einen Aufschrei. Deswegen macht das im politischen Geschäft auch keiner. :-(

Ich kenne übrigens Menschen, die schon mal gesagt haben, sie wollen nicht in eine (weitere) Koalition. Nachdem ein Parteitag anders abgestimmt hat, agieren sie entsprechend dieses Beschlusses in der Koalition.

Ich bekenne: Ich habe den Traum von der weißen Weste auch schon geträumt, ziemlich lange sogar.  Aber obwohl ich in keinem Parlament sitze, ich habe auch keine weiße Weste mehr. Auch ich habe schon Sachen zugestimmt, von deren Richtigkeit ich nicht ganz überzeugt war, weil es im Gegenzug eine Zustimmung zu meinen Vorschlägen gab. Ein alltäglicher Vorgang.

Menschen, die eine weiße Weste haben oder sich einbilden eine solche zu haben die sind mir unsympathisch.

PS: Am Ende endet der Traum und die Realität immer mit einer Belanglosigkeit. Manchmal ist es der Streit um das Wort “hinnehmbar” ;-) .

[update]: Ich wusste gar nicht, wie schnell ich mit Blogeinträgen bestätigt werde :-( .

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