Whistleblowing gegen Geld?

Die Meldung machte mich stutzig. Wikileaks will demjenigen 100.000 EUR zahlen, der den gegenwärtigen Stand des bislang geheimgehaltenen Freihandelsabkommen TTIP weitergibt. Keine Frage, die Geheimhaltung ist inakzeptabel, aber Whistleblowing gegen Geld, ist das noch Whistleblowing?

Was ist eigentlich Whistleblowing? Soweit es überhaupt eine allgemeine Definition gibt, besteht sie darin: Beim Whistleblowing handelt es sich um Hinweise auf Missstände, die von einem Whistleblower/einer Whistleblowerin Dritten (Mittler/in, Medien, Öffentlichkeit) mittgeteilt werden. Im Regelfall wird Whistleblowing mit Zivilcourage verbunden, weil das Whistleblowing mit dem Risiko des Verlustes der (Erwerbsarbeits)Stelle oder Karriere oder des Rufes verbunden ist. Im Regelfall brechen Whistleblower/innen Gesetze und müssen mit straf- und arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Im Rahmen dieser allgemeinen Definition spielen die Motive also keine Rolle. Beim Whistleblower Netzwerk e.V.  wiederum heißt es: „Die Whistleblowerin oder der Whistleblower hat die Zivilcourage, Missstände aufzuzeigen und handelt vor allem aus Pflichtbewusstsein aus selbstlosen, ethischen, religiösen oder Gewissensgründen.“  Diese Definition von Whistleblowing kommt meinem Verständnis ziemlich nahe. Aber ist es eine zwingende Bedingung für Whistleblowing aus diesen Gründen zu handeln? Oder geht auch Whistleblowing gegen Geld?

Die Süddeutsche Zeitung merkt meines Erachtens zu Recht an: „Die Zahlung von Geld passt jedenfalls nicht zu der reinen Lehre von dem altruistischen Informanten … .“ Und Hans Leyendecker setzt sich im selben Artikel mit dem Scheckbuchjournalismus auseinander.

Ich finde zunächst eine Unterscheidung ziemlich wichtig. Nämlich die Unterscheidung ob jemand etwas „gegen oder für Geld“ macht oder für erlittene Nachteile bis hin zur Existenzbedrohung etwas als „Entschädigung/Schadensersatz“  erhält. Denn dieses „gegen oder für Geld“ besagt, eine Handlung findet wegen des Geldes statt. „Gegen Geld“ bedeutet es ist von vornherein klar, für das Whistleblowing gibt es eine Gegenleistung – nämlich Geld. Der Hinweis darauf, ein/e Whistleblower/in bekomme für erlittene Nachteile ggf. eine Entschädigung/Schadensersatz, eröffnet hingegen die Option, nach dem Whistleblowing einen Ausgleich bei Bedrohung der Existenz oder sonstigen Nachteilen zu erhalten.

Whistleblowing gegen Geld erscheint mir nicht sinnvoll. Whistleblowing gegen Geld eröffnet den Weg der Ökonomisierung. Soll aber das Aufdecken von Misständen  davon abhängig sein, dass für dieses Aufdecken gezahlt wird? Wer am meisten Geld auslobt, bekommt am schnellsten Informationen und wohl auch die besten Informationen. Führt dies am Ende nicht dazu, dass Misstände in Bereichen aufgedeckt werden, wo es sich lohnt, in Bereichen wo es aber keine ausreichenden „Geldgeber“ gibt diese unentdeckt bleiben? Betrifft dies dann nicht auch wieder die Ausgegrenzten und in Verarmung gestoßenen Menschen? Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit von Informationen, die in der Aussicht auf eine nicht unerhebliche Menge Geld öffentlich gemacht werden? Am Ende bleiben in einem Fall von „Geld gegen Information“ doch immer ein wenig Zweifel, ob es sich jetzt um einen Hinweis auf einen realen Misstand handelt oder um einen Hinweis auf einen vermeintlichen Misstand. Denn schließlich könnte es ja vor allem darum gehen, die Kohle zu kassieren. Insofern finde ich den in der Süddeutschen Zeitung aufgemachten Vergleich zum Scheckbuchjournalismus auch richtig.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum ich Whistleblowing gegen Geld nicht für zielführend und am Ende auch für nicht unter den Begriff Whistleblowing fallend halte. An verschiedenen Stellen habe ich mich für einen umfassenden Whistleblowerschutz stark gemacht. Dieser Schutz leitete sich für mich aus der Tatsache ab, dass Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber -zumindest in meiner Vorstellung- aus einer humanitären, politischen, moralischen oder religiösen Notwehr heraus eine Gewissensentscheidung treffen. Ihnen geht es um das Allgemeinwohl und sie finden, die Gesellschaft muss diese Missstände kennen um Abhilfe zu schaffen. Das ist aus meiner Sicht schutzwürdig und deshalb sollen Whistleblower keine straf- und arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu fürchten haben. Da es diesen umfassenden Whistleblowerschutz noch nicht gibt, ist es eben auch erforderlich einen/eine Whistleblower/in im Falle von straf- oder arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu unterstützen und sogar dafür Sorge zu tragen, dass er/sie einen Lebensunterhalt hat.  Aber diesen umfassenden Whistleblowerschutz kann ich nicht fordern, wenn das Whistleblowing „gegen Geld“ stattfindet. All die guten Gründe für einen umfassenden Whistleblowerschutz fallen dann nämlich weg, die Rechtfertigungsgründe für eine Gesetzesübertretung sind dann eben nicht mehr Allgemeinwohl und Transparenz um der Gesellschaft die Möglichkeit der Abhilfe zu geben.

Ich glaube also, die Idee für einen Leak Geld auszuloben ist nicht wirklich schlau. Ich glaube, sie schadet eher der Idee von Whistleblowing.

19 Gedanken zu “Whistleblowing gegen Geld?”

  1. Frau Wawzyniak sattelt ein neues Pferd, welches von ihr ohnehin nicht geritten wird. Frau Wawzyniak hat sich öfter sehr unpassend, diffamierend und hinterhältig gegenüber Julian Assange geäußert. Ich erinnere mich an Diskussionen bei Lafos-Linke und ich glaube auch hier. Zum Glück interessiert Frau Wawzyniaks diesbezügliche (und zu anderen Themen) Meinungsäußerungen niemanden mehr. Weder innerhalb der Linken, noch gar ausserhalb. Was ein Glück!

  2. Meine Meinung? Meine Meinung ist, dass Regierungen und Geheimdienste viel geld dafür ausgeben damit ihre schmutzigen Machenschaften nicht allzusehr publik werden. Falls dann was raus kommt werden die Überbringer der Botschaften dann kriminalisiert und diffamiert. Wenn also Geld ausgegeben wird dann sollte es auch möglich und erlaubt sein Geld zur Beschaffung dieser informationen zu verwenden. Wie man dies überhaupt in Frage stellen kann?

  3. Klaudias Meinung scheint zu sein, dass Du vollkommen uninteressant bist, und deine Versuche, irgendwelche Debatten loszutreten, allgemein dermaßen ins Leere laufen, dass man sich fragt, warum du eigentlich ein MdB bist – respektive du 10000€ Diäten in den Rachen geworfen bekommst. Ich paraphrasiere mal ganz frei. Aber so in die Richtung dürfte das gehen.

  4. @Klaudia: Was du da „schmutzige Machenschaften“ nennst, heißt in freiheitlich demokratischen Staaten „nachrichtendienstliche Tätigkeiten“. Selbstverständlich gibt es immer Staaten, die diese Tätigkeiten übertreiben: Russland, China, ehemalige DDR. Grundsätzlich sollte es aber klar sein, dass ohne diese Tätigkeiten kein heutiger Staat überleben kann – es nie konnte.

    Als Faustregel gilt: Landesverrat aufzudecken kann in wehrhaften Demokratien keine „schmutzige Machenschaft“ sein!

  5. Der Zweck heiligt nicht die Mittel?! Ja und?
    Dann wohl lieber soch wackeren „Wistleblower-Mitstreiter“ wie du, die Tweets verbreiten in denen einem Julian Assange geraten wird sich zu „stellen“?
    Ihr „Politiker“ schafft es ja nicht einmal einen Wistleblower in Deutschland aussagen zu lassen. Ihr wollt mitspielen aber schön zaghaft. Derweil schaffen die Dienste Tatsachen.

  6. Um die drohende TTIP-Diktatur zu verhindern, muss man nun mal alles versuchen.
    Die Wirtschaftslobby hat mit Abermillionen Politiker bestochen (u.a. Umdrehen der SPD zur Agenda-Partei). Da nimmt sich die 100.000er Offerte geradezu als bescheidenes Understatement aus.
    In der Ganovenjagd wird ja auch des öfteren ein nettes Sümmchen ausgelobt („…für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung…“).

  7. genau da unterscheiden wir uns. „alles versuchen“ ist am ende, der zweck heiligt die mittel. das ist nicht so ganz meins. eine andere position kann ich nschvollziehen, aber nicht teilen.

  8. Mit dieser ganzen „Argumentation“ sollte es eigentlich gar keine bezahlten Politiker mehr geben. Tus doch aus Enthusiasmus Halina! Das verlangst du aber nur von anderen. Die sollen das machen wozu DU nicht bereit bist! Sehr selbstherrlich.

    Bezüglich kurzem Gedächtnis. Soll ich Dir etwa auf die Sprünge helfen?

  9. die unterscheidung zwischen leaking & whistleblowing finde ich persönlich eher künstlich. wenn man sie aber macht, dann wäre „leaking für geld“ für mich eben auch „scheckbuchjournalismus“.

  10. der begriff stammt -ist im blogbeitrag kenntlich gemacht- aus einem artikel, nicht von mir. da wird scheckbuchjournalismus so definiert, dass für die weitergabe geheimer informationen explizit bezahlt wird. scheckbuchpolitiker/in wäre, wenn explizit für äußerungen und handlungen bezahlt wird. allerdings dürfte das seit knapp 1,5 jahren dann als abgeordnetenbestechung strafbar sein.
    gern kann darüber diskutiert werden, ob politiker/innen bezahlt werden dürfen. ich bitte nur, dass bis zum ende zu denken. die sog. diäten waren auch eine errungenschaft der arbeiterbewegung um zu verhindern, dass nur diejenigen in parlamemte gehen können, die es sich leisten können. ich hätte da im übrigen noch einen literaturtipp für dich http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/demokratie-demokratisieren/

  11. Nein Halina

    Für mich macht das alles eher den Eindruck, übrigens auch eine Diskussionsveranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung an der du seinerzeit teilnahmst, dass du nicht wirklich willst das da halbwegs Waffengleichheit herrscht. Ich erinnere mich an deine „Einwände“ zu dem Ankauf der Steuer-CD´s. Dir war es egal das damit Steuersündern eingeheizt wird, Hauptasche es läuft alles darauf hinaus, dass die da oben in Ruhe ihre Schweineren treiben können und halbwegs darauf vertrauen können das da nicht viel rauskommt. Ist das dein Ziel?
    Diese scheiß Gesellschaft ist nun einmal auf Geld aufgebaut. Da ist es logisch das man auch mit Geld um Erkenntnisse wirbt die die Machenschaften aufdeckt. Sicherlich wäre es schöner alle sind Idealisten und nur am Wohle der Gemeinschaft interessiert. Aber so funktioniert der Kapitalismus nicht! So funktioniert leider auch die Bekämpfung dessen Auswüchse nicht.

  12. „Für mich macht das alles eher den Eindruck, übrigens auch eine Diskussionsveranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung an der du seinerzeit teilnahmst, dass du nicht wirklich willst das da halbwegs Waffengleichheit herrscht.“

    wenn du jetzt noch sagst, welche veranstaltung und was ich gesagt haben soll, dann könnte ich auch darauf antworten.

    „Ich erinnere mich an deine „Einwände“ zu dem Ankauf der Steuer-CD´s. Dir war es egal das damit Steuersündern eingeheizt wird, Hauptasche es läuft alles darauf hinaus, dass die da oben in Ruhe ihre Schweineren treiben können und halbwegs darauf vertrauen können das da nicht viel rauskommt. Ist das dein Ziel?“

    nein, das ist nicht mein ziel. ich habe zum thema steuer-cd hier gebloggt (https://blog.wawzyniak.de/einmal-angenommen/) und auch hier (https://blog.wawzyniak.de/tag/steuerhinterziehung/) einiges dazu geschrieben. ich befinde mich in der frage der steuer-cd in guter gesellschaft, auch wolfgang neskovic sieht das ähnlich (http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/steuer-cd-soll-versaeumnisse-kampf-gegen-steuerkriminalitaet-kompensieren/). ich glaube, das beantwortet deine frage diesbezüglich.

    „Diese scheiß Gesellschaft ist nun einmal auf Geld aufgebaut. Da ist es logisch das man auch mit Geld um Erkenntnisse wirbt die die Machenschaften aufdeckt. Sicherlich wäre es schöner alle sind Idealisten und nur am Wohle der Gemeinschaft interessiert. Aber so funktioniert der Kapitalismus nicht! So funktioniert leider auch die Bekämpfung dessen Auswüchse nicht.“
    bis auf den letzten satz kann ich das unterschreiben. aber -das unterscheidet- uns dann, das ziel muss sich im weg wiederspiegeln.

  13. „das ziel muss sich im weg wiederspiegeln“

    siehste, und deshalb komm ich darauf das du nicht wirklich was ändern willst!

    das unterscheidet uns wirklich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.